Shareconomics reloaded

Das Prinzip des „gemeinschaftlichen Konsums“, das im Debüt Anfang dieses Jahres in dem Artikel über Shareconomics beschrieben wurde, tritt in immer neuen Varianten in unserem (Konsum-) Alltag auf.
Der neue Begriff „Shareness“ verkörpert die Tatsache, dass das Prinzip des Teilens - und somit gemeinschaftlichen Handelns - inzwischen weit mehr ist als eine rein ökonomisch-ökologische Überlegung. Es wird zur Lebenshaltung, oder vielmehr: zur Überlebenshaltung. „Wer allein bestimmen möchte, anstatt kooperative Lösungen zu suchen, wird in Zukunft immer weniger Chancen haben zu bestehen. Das betrifft den Einzelnen ebenso wie Unternehmen und Organisationen (TrendUpdate 09/2011, Zukunftsinstitut)“. Bei Shareness geht es nicht mehr unbedingt um Geld verdienen oder darum, für das, was man gibt, eine adäquate Gegenleistung zu bekommen. Shareness zeichnet sich aus durch das Element der Großzügigkeit. Shareness umfasst Tauschen, Spenden und Schenken in allen möglichen Varianten.
Swap Parties sind ebenso Teil des Phänomens wie die Idee der „Givebox“. Unter dem Motto „Sharing is caring“ wurde dieses Jahr das erste Exemplar (der Welt) in Berlin Mitte aufgestellt. Seither sprießen deutschlandweit die Giveboxen nur so aus dem Boden. In ihnen kann jeder Ausrangiertes - Kleider, Spielzeug, Küchenutensilien, Bücher etc. - abstellen und sich ggf. etwas anderes dafür mitnehmen.
Am Beispiel der Givebox wird deutlich, was viele Projekte der Shareness-Bewegung ausmacht, nämlich der kommunale Charakter. Viele der derzeit entstehenden Online-Tauschnetzwerke oder Offline-Projekte basieren auf dem Prinzip der kurzen Distanzen zwischen den Mitgliedern und gelten der Stärkung des kommunalen Denkens, Fühlens und Handelns. Die Großfamilien wird durch nachbarschaftliches Miteinander ersetzt. Dank der sozialen Medien können wir schnell und unkompliziert Kontakt mit den Menschen knüpfen, die zwar oft nur wenige Meter entfernt leben, mit denen wir aber ohne die mediale Brücke des Internets nie oder nur schwer in Kontakt treten würden. Das Internet, unsere Smartphones und Location-Dienste nehmen uns die Hürde auf dem Weg zur nachbarschaftlichen Hilfe. Die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg sind ein Paradebeispiel für „zivilgesellschaftliches Engagement“ und kommunale Selbstverwaltung mit mittlerweile weltweitem Renommee. Hier hat jeder Zugang und kann sein Wissen, seine Arbeitskraft und -zeit und nicht zuletzt auch sein Geld gegen die Erzeugnisse des Gartens und des darin beheimateten Cafés tauschen. Die Prinzessinnengärten sind - so wie die mittlerweile überall auf der Welt be- und entstehenden Orte des Urban Gardening - ein Phänomen ökonomischer Krisen und zeugen von einer tief sitzenden und weit verbreiteten Verbraucherskepsis. Der Löwengarten, eine Lebensmittelkooperative ca. 70 km außerhalb von Berlin, ist ein weiteres Beispiel einer Versorgungsgemeinschaft. Der Bauernhof mit Demeter Zertifizierung zählt ca. 140 Kunden aus dem Berliner Raum, von denen sich jeder verpflichtet, 40 Euro monatlich Ernteanteil zu bezahlen und drei Tage jährlich auf dem Hof zu leben und zu arbeiten. Als Gegenleistung können sich die Teilhaber wöchentlich aus einem von sieben sieben Gemeinschaftsdepots in Berlin mit saisonalem Gemüse eindecken.
Foodswap.org, frents.com, spreet.it - es wird getauscht und verliehen, was Haus, Garten und Hof an Tauschbarem hergeben. Standortbasierte Nachbarschaftsbörsen wie nachbarschaftsauto.de bilden einen stetig wachsenden, eigenständigen Markt. Dieses Miteinander-Handeln vorbei an Supermärkten und Konzernen sorgt nicht nur für eine wesentlich bessere Nutzung vorhandener Ressourcen und Lebensdauern von Gebrauchsgegenständen, es schont den Geldbeutel, die Umwelt - und sorgt nicht zuletzt für ein Wir-Gefühl, für Verbundenheit in der Nachbarschaft, im Kiez, in der Kommune. Durch Angebote wie Couch-Surfing und Mitfahrgelegenheit haben wir gelernt, unsere Wohnungs- und Autotüren wieder vertrauensvoller für Fremde zu öffnen. Wieder ist es das Netz mit seinen Bewertungsmechanismen, denen sich alle Mitspieler unterwerfen müssen, das als Rückhalt dient. "Technologie ermöglicht Vertrauen zwischen Fremden", sagt US-Autorin Lisa Gansky („The Mesh. Why the Future of Business is Sharing“). Ob im Netz oder in der Nachbarschaft - Vertrauen ist eine eigene Währung. Die soziale Kontrolle erfolgt im Netz durch positive Bewertungen, in der Nachbarschaft dadurch, dass man dem Nachbarn immer wieder begegnet.
Auch für Unternehmen gibt es Möglichkeiten und Wege, den Shareness-Gedanken umzusetzen. Dass dabei Authentizität, Glaubwürdigkeit und vor allem der unmittelbare Nutzen für die Kunden an erster Stelle stehen müssen, versteht sich von selbst. „Random Acts of Kindness“ (zufälligen Gesten von Liebenswürdigkeit) ist eine Variante des Shareness-Trends in der Unternehmenspraxis. Der britische Blumenversand Interflora durchforstete im Rahmen einer Social-Media-Kampagne Twitter-Meldungen nach Menschen, die eine Aufmunterung brauchten (Bus verpasst, es regnet und ich habe keinen Schirm, der Kaffee ist alle...). Das Unternehmen fragte die Absender entsprechender Meldungen, ob es ihnen zum Trost einen Blumenstrauß schicken dürfe. War die Resonanz positiv, lieferte Interflora ein kostenloses Bouquet frei Haus. Die Welt am Sonntag rief kürzlich ihre Leser dazu auf, die gelesene Zeitung an den Nachbarn weiter zu geben und liefert auch gleich einen passenden „Umschlag“ dafür mit. Die Berliner Modemarke Schmidttakahashi hat sich Shareness zum Grundprinzip gemacht. Sie sammelt Altkleider, macht aus ihnen Unikate und hat der Verschwendungssucht den Kampf angesagt. Die beiden Designerinnen Schmidt und Takahashi wollen einen Zeichen setzen gegen den Negativeffekt, der durch Firmen wie H&M und Zara entsteht. Billige Massenware produziert Müll, schafft soziale Ungleichheit und belastet die Natur. Sie führt zu immer mehr Altkleidern, die wiederum in Afrika Textilmärkte und Arbeitsplätze zerstören. Jeder, der Schmidttakahashi ein Kleidungsstück spendet, wird zu dessen Geschichte befragt, muss eine Email Adresse hinterlassen und erhält eine Identifikationsnummer. Anhand von Fotos kann man nachvollziehen, wo sich das gespendete Teil gerade befindet und was schließlich im Mix mit anderen Altkleidern daraus wurde. Die KäuferInnen wiederum können die Geschichten, die sich in ihrem neu erworbenen Unikat verbergen mit Hilfe eines QR-Codes nachvollziehen.
Der Shareness-Trend ist Vorbote dessen, was Prof. Dr. Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg mit dem Begriff „Postwachstumsökonomie“ geprägt hat. Seiner Überzeugung nach muss, um der Rettung unserer ökologischen Lebensgrundlagen willen, das wirtschaftliche Wachstum überwunden werden. Paech propagiert einen resilienten Lebensstil, der sinn- und wertschöpfende Tätigkeiten umfasst, die von Öl, Industrie und Geld unabhängig sind. Als moderne Subsistenzleistungen bezeichnet er ein Handwerk, das repariert und aufwertet, sowie die eigene Nahrungsmittelproduktion in Gemeinschafts-, Balkon- und Schrebergärten. Die Zukunft liegt in „Tauschbeziehungen im sozialen Nahraum“ und der „Nutzung von Konsumgütern in kleinen Gruppen“. Shareness eben.
