SturmUndDrang - Logo

F(r)isch vom Dach

Auf dem Dach der Berliner Malzfabrik entsteht im kommenden Jahr die größte Dachfarm ihrer Art. Hoch über den Dächern Berlins werden Pflanzen und Fische sich in einer einträchtigen Wohngemeinschaft gegenseitig versorgen: Nachhaltigkeit durch Aquaponik.

Mohrrüben und Salat, hier und da mal ein Huhn oder ein paar Bienenstöcke – das ist im großen und ganzen das, was man üblicherweise von Urban-Farming-Konzepten erwartet. Fisch spielt in diesem Zusammenhang naturgemäß bisher kaum eine Rolle – Fischwirtschaft gilt nicht nur als aufwendig, der Fisch, das unbekannte Wesen, genießt allgemein auch weniger Sympathien als Säugetiere oder Federvieh. Und Fische auf sozusagen brachliegenden Dachflächen zu halten, verstößt gegen die Grundwahrnehmung ihres Lebensraums: der Fisch als Wesen der Tiefe hat, könnte man meinen, auf dem Dach nichts zu suchen.

Dabei kann er sich dort in neuen Kreislaufwirtschaftssytemen sogar als Düngerproduzent nützlich machen. Aquaponic nennt man das Wirtschaftssystem. Wort und Konzept sind gleichermaßen aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt: Aquakultur – also Fischzucht – und Hydroponic. Das ist Pflanzenkultur ohne Erde. Die Kombination von beidem funktioniert als Wasserkollektiv: die Fische produzieren Dünger, die Pflanzen reinigen wiederum das Wasser, in dem sie den Dünger aufnehmen. So kann das wasserintensive Wirtschaften als Kreislauf betrieben werden, in dem das Wasser von unten nach oben, vom Fisch zur Pflanze, wechselt. 70 bis 80 Prozent Wasser können auf diese Weise eingespart werden, zufügen muss man nur Fischfutter.

Zur Aquaponic hat unter anderem das Departement Life Sciences und Facility Management LSFM der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Grundlagenforschung geleistet. Ein Spin-Off dieses Departements ist das Zürcher Unternehmen UrbanFarming.

UrbanFarming hat 2011 in Zürich und auch in Berlin unter dem Motto „Schrebergarten 2.0“ Containergärten aufgestellt: unten, in einem gebrauchten Container, leben die Fische in ihren Wassertanks, obendrauf steht ein Treibhaus, in dem das Gemüse angebaut wird.

So ein System kostet derzeit noch etwa 35 000 Euro; bei einem Ertrag von nicht mehr als ein paar hundert Kilo Gemüse und Fisch im Jahr ist das natürlich von Wirtschaftlichkeit weit entfernt. Aber die Rostlaube ist auch noch ein Prototyp, und Wirtschaftlichkeit lässt sich erreichen, wenn Aquaponic-Syteme in größerem Maßstab betrieben werden. Und genau das wollen Nicolas B. Leschke, Karoline vom Böckel und Christian Echternacht mit ihrem Startup Frisch vom Dach erreichen.

Ihre Dachfarm soll ab 2013 auf einer Gesamtfläche von 7.000qm auf dem Areal der Berliner Malzfabrik entstehen. Die vor knapp hundert Jahren für die Schultheiss-Brauerei errichtete Fabrik produziert schon längst keinen malz mehr, sondern hat sich zu einem der zahlreichen Kreativitäts-Treibhäuser der Stadt entwickelt. Das Dachgewächshaus wird auf einer Grundfläche von 4.000qm errichtet.

Auf insgesamt 3.000qm gleicher Höhe befinden sich bereits 22 Becken mit jeweils 18 Kubikmetern, in denen früher die Gerste eingeweicht wurde. In ihnen soll künftig die Fischaufzucht innerhalb der DACHFARM betrieben werden. Ein Teil der Ernte soll ab 2013 im hauseigenen Laden vor Ort verkauft werden. Der andere Teil soll an den lokalen Einzelhandel und die Gastronomie gehen.

Dachgärten sind nicht nur ästhetisch und weltanschaulich nutzbar – sich verbessern darüber hinaus da Klima der Stadt und bieten Lebensraum für Kleintiere. Im Rahmen der Urban-Farming-Bewegung werden sie darüber hinaus vom Naherholungsgebiet vor Ort bzw. von der hauseigenen Schregergarten- und Grillplatz-Etage zur ernstgemeinten Produktionsstätte umgewidmet. Urbane Landwirtschaft hat den Vorteil besonders nachhaltigen Wirtschaftens, weil durch das ultralokale Zusammenrücken von Produktion und Verbrauchern Transportwege und Kühlketten minimiert werden.


    Category
    Innovationen
    Author
    Enno Blanke
    Date
    08.01.2012