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Reconomic Shareness

Ökonomie und Gemeinschaft nähern sich einander an. Aber dabei bewegen sich beide – es gibt mehr Shareness in der Wirtschaft, aber auch umgekehrt. In einer ganzen Reihe von Zusammenhängen tauchen neue Services auf, die das Gemeinschaftserleben ökonomisieren.

Viel ist die Rede von Shareness Economy, von einer neuen Vermenschlichung der Wirtschaft und einem neuen Post-Wachstums-Paradigma. Die Erbringung von Leistungen auf Gegenseitigkeit, die nicht Verträge, sondern Vertrauen zur Grundlage hat, wird natürlich durch die zunehmende Vernetzung der Individuen befördert, die diese neue Form des Wirtschaftens überhaupt erst ermöglicht. Dadurch ergibt sich nicht nur für die Verbraucher, sondern auch für die Wirtschaft ein beachtliches Innovationspotential. Zwar ist in gewissen Bereichen mit Umsatzrückgängen zu rechnen, weil geteilte Produkte weniger gekauft werden müssen – insgesamt, so Michael Kuhndt, Leiter des Wuppertaler Zentrums für Konsum und Produktion, in der FAZ, überwiegen aber die Chancen, nicht die Risiken. „Das Teilen an sich ist kein Konsumverzicht, sondern ein Gewinn“, sagt er – denn durch den Konsumverzicht auf der einen Seite werden auf der anderen Mittel für einen bewussteren und überlegteren Konsum frei.

Gleichzeitig gibt es für die Wirtschaft auch aus einem anderen Grund wenig Anlass, sich vor der neuen Kultur des Miteinander zu fürchten. Denn durch das Zusammenrücken der Menschen entstehen mit den neuen Kontaktflächen und Austauschforen auch neue Markträume, die von innovativen Serviceanbietern erschlossen werden können. Wir haben Ihnen einige Beispiele aus der neuen Vermarktung des Gemeinschaftlichen zusammengestellt.

Beispiel Übernachtungen. Fremden ein Quartier anbieten, und überall auf der Welt freundschaftliche Aufnahme finden: Couchsurfing war das erste erfolgreiche Gastfreundschafts-Netzwerk. Mit Airbnb startete dann eine kommerzielle Adaption des Prinzips, und die Gastgeber begannen, in großem Stil ihre Gästezimmer für kleine Beträge anzubieten. Eine Vielzahl von Nachahmern folgte, wie bei jedem spektakulär erfolgreichen Startup, auf dem Fuße. Im Früjahr 2011 wurde zum Beispiel das private Wohnungsportal Accoleo gegründet und im Juni prompt für einen stattlichen Betrag von Airbnb übernommen – genauso wie übrigens dann im August der Münchner Anbieter Statthotel. Um den zugkräftigen neuen Konkurrenten Wimdu (der Samwer-Variante von Airbnb) und 9Flats (vom Qype-Gründer Stephan Uhrenbacher) Paroli zu bieten, gründete das Unternehmen eine Niederlassung in Hamburg und plant die weitere Expansion nach England, Frankreich, Italien und Spanien. Damit schien es zunächst für die hiesigen Mittbewerber finster auszusehen, aber eine neue Finanzierungsrunde brachte jüngst 9Flats („auf der ganzen Welt wie bei Freunden fühlen“) eine Telekom-Beteiligung und auf diesem Umweg eine vielversprechende Kooperation mit der neuen Stiefschwester Immobilienscout24 (gehört auch zur Telekom). Es bleibt spannend in den Gästezimmern. Hier wird viel Geld bewegt, und aus dem alternativ angehauchten Couchsurfing-Prinzip ist ein heiß umkämpfter Markt entstanden.

Beispiel Essen: Gastfreundschaft erstreckt sich nicht nur auf ein Nachtquartier. Nachdem die Gesellschaft begonnen hatte, sich mehr und mehr als Netzwerk zu betrachten, entstanden natürlich auch bald Ess-Plattformen – LivemyFood z.B. haben wir letztes Jahr im Debut als Couchsurfing für Essen portraitiert. Analog zum Schlafplatzmarkt entsteht hier gerade eine muntere Gesellschaft von Plattformen, die in verschiedenen Varianten Freizeitköchen die Möglichkeit geben, auch zahlende Gäste zu Tisch zu bitten: sie heißen super-marmite.com, GoGrugly.com, Mealtik.com, Foodhost.co.uk oder NewGusto.com und funktionieren alle wie Airbnb – teilweise mit freiwilliger Unkostenbeteiligung, teilweise gar nicht so billig. Und als wäre es nicht genug, den Restaurants mit einer Marktrevolution zu drohen – auch den Lieferservices droht von neuer Seite ungemach. Munchery sorgt in San Francisco, Housebites in London für besseres Essen – privat gekocht.

Besonders das Konzept von Housebites ist interessant: bisher 28 aus über 500 Bewerbern ausgewählte Köche beliefern Kunden in ihrer näheren Umgebung mit einem zu Hause gekochten, wechselnden Menü. Es handelt sich dabei teilweise um Hobbyköche, die auf professionellem Niveau arbeiten, teils um professionelle Köche; einige davon haben in bekannten Londoner Top-Restaurants gearbeitet, darunter The Ivy, Fifteen oder Le Caprice. Housebites ist für solche Köche eine Möglichkeit, ihre Liebe zum Beruf adäquat umzusetzen: statt der oft mäßigen Arbeitsbedingungen in Restaurants können sie liebevoll die besten Zutaten einkaufen, ihre eigene Karte nach Lust und Laune gestalten und haben viel Kontakt zu ihren Kunden – denn das gehört zum Konzept. Koche nicht für den Kellner, sondern für den Gast: Take-Away-Gastfreundschaft.

Gekocht wird nach Bestellung frisch, ausgeliefert wird persönlich. Ein Traum für Köche, die sich selbständig machen wollen, aber sich – noch – kein eigenes Restaurant leisten können. Und für ambitionierte Hobbyköche, die regelmäßig für andere kochen und dabei verdienen wollen. Der Koch behält 85 % der Einnahmen. Bei Preisen von 10 £ für einen Hauptgang kann sich das durchaus lohnen.
Begeistert hat sich jedenfalls kürzlich der im Vereinigten Königreich zu Recht fast allmächtige Stephen Fry gezeigt. Noch ist Housebites auf London beschränkt, aber noch im Februar soll eine zweite, im März bereits die dritte Region erschlossen werden.

Beispiel Freundschaftsdienst: Handreichungen aller Art – vom Brötchen-ins-Büro-Holen bis zum Geschichtenerzählen werden Kleinstservices schon länger im Internet getauscht – gegen andere Serviceleistungen oder Alternativwährungen. Wie in den anderen Bereichen wird auch hier das Angebot professionalisiert, gerne auf lokalisierter Basis. Bei Gigalocal, Taskturtle, Taskrabbit, Niriu (von „Near you“ abgeleitet), Fancy Hands und Coffeeandpower werden Mini-Dienstleistungen an den Mann gebracht. Zaarly, einer der meistbeachteten unter den Neulingen, hat es in nur fünf Monaten auf 30 Mitarbeiter und US-weit über 100.000 Kunden gebracht. Doppelte Unterstützung hat Zaarly Ashton Kutcher zu verdanken, einem der zur Zeit bekannteren Schauspieler: er investierte in das Startup und brachte so gleichzeitig Geld und einen gewaltigen PR-Bonus.

Der umtriebige Herr Kutcher erwies sich aus als Glücksfall für ein Startup aus dem nächsten Bereich: Beispiel Freizeit. Geld und Ruhm brachte er zwei Monate nach dem Start auch der Erlebnis-Plattform Gidsy aus Berlin. Etwas Besseres hätte den Gründern, den beiden Brüdern Dekker, gar nicht passieren können. Die beiden hatten nach dem Studium eine Agentur in Berlin aufgemacht und kamen angeblich auf die Idee, Gidsy zu gründen, weil sie niemanden wussten, der ihnen die besten Stellen zum Pilzesuchen verraten konnte. Wahr oder gut erfunden – darum geht es bei Gidsy. Auf dem „Marktplatz für authentische Erfahrungen“ bieten Menschen Aktivitäten aller Art an – „spielend Skat lernen“, eine Shopping-Tour durch Mitte, gemeinsames Lernen von High-Heels-Gehen in London oder ein Spaziergang durch den Amsterdamer Vondelpark. Wer jemanden zum Mitlaufen sucht oder etwas Geld braucht, kann solche Aktivitäten in bisher fünf Städten anbieten.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Wir erleben eine netzgestützte Large-Scale-Simulation der Dorfgemeinschaft mit Finanzausgleich – das Ökonomische sickert in die Sphäre des Gemeinschaftslebens. Ist das eine verachtenswerte Rundum-Kommerzialisierung der Menschheit? Nicht unbedingt. Darüber, dass das soziale Miteinander, vom Gruß über die Einladung bis zum Geburtstagsgeschenk, schon immer systematisch als Tauschgeschäft organisiert war, hat uns schon Starobinski aufgeklärt (die Verbindung von Freundschaft und Wirtschaft ist nicht nur für Staatsoberhäupter Alltag). Nur wird normalerweise nicht mit Geld bezahlt. Die aktuelle Verschiebung vom sozialen Kapital weg und zum ökonomischen hin ist also nicht viel mehr als eine Währungsreform. Sie ist lediglich eine Begleiterscheinung des rascheren, vielseitigeren und flüchtigeren Austauschs in der Netzwerkgesellschaft: bei der Vielzahl der Kontakte ergeben sich weniger Möglichkeiten, in gleicher Münze zurückzuzahlen, also greift man aufs Geld zurück. Die Ökonomisierung ist vielleicht einfach ein Zeichen für mehr Miteinander. Das ist doch eigentlich ganz nett.

SPACER

Photo © Joe Shalbotnik


    Category
    Innovationen
    Author
    Enno Blanke
    Date
    14.02.2012