Tweet until the Bass drops

Klänge kann man nicht twittern - aber Heavylistening macht Twitter hörbar. Das Gemeinschaftsprojekt "tweetscapes" bringt Twitter als Klangquelle live ins Berghain, ins Radio und nach Hause ins Netz.
Viele hunderttausend Twitter-Mitteilungen rauschen jede Sekunde durch das Internet. Das Sonifikationsprojekt "tweetscapes" macht sie zu Musik. Für Deutschlandradio Kultur haben der Klangkünstler Anselm Venezian Nehls und der Informatiker Thomas Herrmann den Datenstrom des twitter-Netzwerkes angezapft. Mithilfe einer eigens für das Projekt entwickelten Software machen sie hörbar, wie die Twitter-User im deutschsprachigen Raum gerade von sich geben und wie sich ihre Nachrichten verbreiten.
"tweetscapes" ist seit dem 17. Januar als permanenter audiovisueller Live-Stream im Netz zu erleben. Aus dem Konzept: "Twitter ist auf die blitzschnelle Multiplikation und Verbreitung von Gedanken und Meinungen ausgelegt. Die Trending Topics (Echtzeit-usammenfassung inhaltlich verwandter Twitter-Nachrichten) lassen erkennen, wie teilweise stündlich neue Themen den Dialog dominieren. Viele Tweets sind zudem mit Ursprungskoordinaten versehen, so dass man auch die räumliche Verteilung bestimmter Gespräche verfolgen kann.
Dargeboten werden diese Inhalte als einfache Liste aktueller Kurznachrichten der jeweils abonnierten Twitternutzer. Doch die Textdarstellung ist nicht die einzig mögliche Art, die komplexen Datenstrukturen des Sozialen Netzes aufzubereiten und sie ist auch nicht immer die informativste. “Wie ist die Stimmung?” ist eine Frage, die sich bei Betreten eines Raumes sofort beantworten lässt, aber nicht nach einem Blick in den Twitter-Account.
Was wäre nun, wenn man Twitter nicht nur lesen, sondern sinnlich erfahren könnte? Wenn man hören, sehen, spüren könnte, was gerade geschieht?"
Bei der Auftaktveranstaltung am Dienstag im Berliner Berghain konnte man eine Antwort auf diese Frage bekommen. Die Tweets verwandelten sich in ein interaktives audiovisuelles Klang- und Raumerlebnis. Ein Quartett um Jochen Arbeit (Gitarre, Einstürzende Neubauten), Achim Färber (Schlagzeug), Boris Wilsdorf (Elektronik) und zeitblom (Bass) reagierte live auf die Klangströme aus dem Netz. Vier Lautsprecher übersetzten die Geodaten der Tweets quadrophonisch in eine akustische Landschaft, während gleichzeitig auf einer Karte die Tweets und Hashtags aufblinkten, die in Klänge übersetzt wurden.
Außerdem hatten die Veranstalter den Hashtags #tweetscapes und #berghain spezielle Sounds zugewiesen, und zwar kräftige, tiefe Bassfrequenzen, und so den Music Stream um eine weitere interaktive Komponente erweitert. "Tweet until the bass drops", wie Anselm Nehls auffordert: durch eifriges Twittern aus dem Berghain oder zu Hause am Radio konnte das Publikum das Event zum Trending Topic befördern und damit gleichzeitig die Soundemanation der Intallation beeinflussen.
Im vergangenen Jahr ist eine ganze Menge passiert. Was hat eigentlich die Twitter-User 2011 am meisten bewegt - war es die arabische Rebellion? Fukushima, die Hochzeit im englischen Königshaus, vielleicht die Euro-Krise oder der Tod von Osama Bin Laden?
Weit gefehlt: das Twitter-Ereignis des Jahres 2011 waren, mit fast 9000 Tweets pro Sekunde, die MTV Video Music Awards. Nicht wegen der Musik oder der verliehenen Auszeichnungen, sondern weil die Sängerin Beyoncé Knowles die Gelegenheit nutzte, die Welt wissen zu lassen, dass sie sich in anderen Umständen befand.
Zum Glück haben die Programmierer um Thomas Herrmann von der Universität Bielefeld weise den eigentlichen Inhalt der Nachrichten außen vor gelassen, sonst hätte sich wahrscheinlich ein musikalisch wenig ergiebiges Weißes Rauschen ergeben. Aber Hashtags, Orte, Nachrichtenlänge, eingebundene Smileys und die Zahl der Follower beeinflussen jeweils das Klangergebnis. Wer wissen will, wie sich Twitter gerade anhört, kann das von nun an live im Internet erleben; das um musikalische Improvisation erweiterte Auftaktevent wird für alle, die die Liveübertragung verpasst haben, als Mitschnitt morgen um 0.05 Uhr im bundesweiten Programm von Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt.
"tweetscapes" ist eine Kooperation von Deutschlandradio Kultur, HEAVYLISTENING, der Ambient Intelligence Group des CITEC an der Universität Bielefeld und dem Masterstudiengang Sound Studies an der Universität der Künste Berlin und das erste Projekt der neuen Sendereihe "sonarisationen" auf Deutschlandradio Kultur. Hier machen wechselnde Künstlerinnen und Künstler in Zusammenarbeit mit dem Sonifikationsforscher Dr. Thomas Hermann hörbar, was man sonst nur sehen, lesen oder messen kann.
Heavylistening ist, was man ein Klangkünstlerkollektiv nennen könnte - nach Eigenauskunft "eine Plattform für klangliche Fragestellungen", 2010 von Carl Schilde und Anselm Venezian Nehls gegründet. Mit tweetscapes hat Heavylistening nicht nur eine klanglich-körperliche Twitter-Raumerfahrung inszeniert, sondern gleichzeitig auch durch die Visualisierungen von Tarik Barri eine weitere aktuelle Entwicklung integriert: in Echtzeit generierte Infografiken. Mit einem ähnliches Prinzip, wenn auch in einem weit entfernten künstlerisch-musikalischen Zusammenhang, hat Stefan Raab gerade bei seiner Casting-Show für den Eurovision Song Contest viel Beachtung gefunden. Aus dieser Richtung ist noch mehr zu erwarten.


