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Coconut Visions

„Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott.“ Dieses Zitat beschreibt August Engelhardts Ansicht, dass es sich bei der Kokosnuss um die botanische Entsprechung Gottes handelt.

Engelhardt, eine der skurrilsten Figuren um 1900, ist als Gesundheitsreformer und Gründer einer Art Orden bekannt, der sich auf Kokovorismus fokussierte. Der Kokovorismus geht davon aus, dass es sich bei der Kokosnuss um die Frucht handelt, die am nächsten zur Sonne wächst und damit die perfekte Nahrung für den Menschen darstellt. Um seine Sehnsucht nach Vegetarismus und Freikörperkultur (die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland verboten war) zu erfüllen, zog Engelhardt nach Kabakon, einer Insel in Deutsch-Neuguinea. Er führte dort ein unkonventionelles Leben frei von gesellschaftlichen Sitten und Kleidung. Seine Philosophie verband er mit einer fruktivoren (also rein auf Früchten basierenden) Diät, die er für die vernünftigste und natürlichste Ernährungsform hielt.

Zahlreiche Kokovoren (Kokosnus-Esser), darunter ehemalige Schauspieler, Kommunisten und Nudisten, folgten Engelhardt, um der Sonne und der Kokosnuss zu huldigen. Nachdem er auf der Insel mehrere Krankheiten durchlebte, starb der Kokosnuss-Messias im Jahre 1919 an Unterernährung, als Folge der Entscheidung, fortan nur noch von Licht und Liebe zu leben, die ja, wie wir alle wissen, nicht die besten Nährwerte aufweisen.

Auch wenn die meisten Menschen Engelhardt für einen Träumer und Utopisten hielten, wurde seine Philosophie doch relativ bekannt und sogar in der New York Times erwähnt. Nicht zuletzt sein verrückter Lebensstil trug dazu bei, die Kokosnuss als ein gesundes Nahrungsmittel für viele Menschen aus dem Westen bekannt zu machen.

Parallel zum Aufstieg des Kokovorismus entwickelte Dr. Heinrich Schlinck ein Verfahren, das Fett der Kokosnuss als Kochfett aufzubereiten. 1894 brachte er das Produkt „Palmin“ als Alternative zu tierischen Fetten auf den Markt. Zu dieser Zeit waren tierische Fette knapp und daher sehr teuer. Seit mehr als 100 Jahren steht „Palmin“ für ein erfolgreiches Kokos-Produkt in der westlichen Hemisphäre.

In den 1950er Jahren kamen zwei weitere Kokos-Produkte auf den Markt. Eines davon war „Bounty“, ein Kokos-Schokoriegel mit karibischem Touch. Bei dem anderen handelt es sich um den (zu der Zeit) trendigen Cocktail Piña Colada, mit dem die tropischen Früchte (insbesondere Ananas und Kokosnuss), der Strand und das Urlaubsfeeling direkt in die Bars und Clubs geholt wurde. Heute hat die Piña Colada ihren Status als Trendgetränk verloren, aber es ist immer noch ein etablierter Standard und in der Regel in jeder Cocktailkarte zu finden.

Soweit der Rückblick. Derzeitig feiert die Kokosnuss nämlich eine Renaissance. Kokosnuss-Wasser gilt als DER Gesundheits-und Sport-Drink unter Prominenten wie Rihanna und Madonna. Sie klammern sich an ihre Saft-Boxen als sei dies eine neue Art von Medizin, die das Leben verbessert – oder zumindest gesünder macht. Zahlreiche US-Stars tauschen ihre Acai-Berry-Drinks und ihr Kabbalah-Wasser gegen ein Tetrapack ein und feiern das Kokoswasser in seiner Qualität als natürliches Sportgetränk und „Life-Enhancer“.

Aber nicht nur Stars springen auf den Zug des Kokovorismus 2.0, immer mehr Verbraucher, insbesondere Yogis schätzen das Kokoswasser als natürlichen Durstlöscher und Elektrolytspender. Die Marke Vita Coco, im Jahr 2004 gegründet, hat derzeit einen Marktanteil von etwa 60%. Nachdem Madonna in das Unternehmen investierte, stieg der Wert des Unternehmens von 8 auf 200 Millionen Dollar. Da das Produkt selbst keinen intensiven Geschmack hat, tauchten kürzlich auch neue Arten von Kokoswasser auf, die mit Mango-Püree versetzt sind, um den Geschmack zu intensivieren und den naturgemäß leicht säuerlichen Geschmack für die 2.0-Kokovoren anzupassen.

Nachdem sich das Kokoswasser im US-Markt etabliert hatte, bestimmt es nun auch das Trinkverhalten der Deutschen, da es seit Kurzem in Bio-Läden und Luxus-Drogerien im ganzen Land erhältlich ist. Die gesundheitlichen Vorteile von Kokoswasser sind unbestreitbar. Abgesehen davon, dass es dem Körper wichtige Elektrolyte wie Natrium liefert, die beim Schwitzen verloren gehen, ist Kokoswasser reichhaltig an Kalium, das den Blutdruck reguliert und dabei dem stimulierenden Effekt von Natrium entgegenwirkt. Mit weniger Natrium, aber der gleichen Menge an Kohlenhydraten ist es als Sportgetränke eine Alternative zu künstlichen Sportgetränken wie Gatorade – jedoch ist es nicht für Athleten geeignet, die sehr lange am Stück trainieren.

Was im Marketing der westlichen Welt als ein Produkt angepriesen wird, das natürlich, fettfrei, cholesterinfrei und gefüllt mit Kalium und Elektrolyten daherkommt, ist in südostasiatischen Regionen seit Jahrhunderten bekannt. Die Kokospalme wird zu dekorativen Zwecken, aber auch aufgrund ihrer Vielfalt an kulinarischen und nicht-kulinarischen Einsatzmöglichkeiten angebaut. Jeder Teil der Kokosnuss kann vom Menschen genutzt werden und hat einen erheblichen wirtschaftlichen Wert. Die Filipinos nennen die Kokosnuss den „Baum des Lebens“, da sie alles bietet, was man zum Leben braucht. Sie nutzen Kokosnüsse beim Zubereiten von Vorspeisen, Hauptgerichten und Desserts, egal ob süß, herzhaft, roh, gekocht, gebraten oder gebacken. Eine Vielzahl von Kokos-Produkten ist Teil des südostasiatischen Lebensstils. Kokoswasser wird als Erfrischungsgetränk und somit oft als Alternative zu normalem Wasser betrachtet, während Kokosmilch vor allem verwendet wird, um Speisen zu verfeinern. Kokosöl wird dagegen überwiegend zum Braten verwendet. Darüberhinaus dient Kokosmehl zum Backen und Kokosnuss-Sirup oder -Zucker als Süßungsmittel. Die kulinarischen Verwendungen sind umfassend, aber die Kokosnuss bietet noch weitere kommerzielle und traditionelle Verwendungszusammenhänge: Das Öl wird in Seifen und Kosmetika verwendet, und die Kokosnuss-Schalen können als Schüsseln gebraucht werden. Schließlich werden Stämme der Kokospalme für den Bau von kleinen Brücken eingesetzt. Diese Frucht scheint wirklich ein Wunder zu sein!

Egal, ob die Kokosnuss gerade nur einen Hydrations-Hype durchlebt oder sich im westlichen Markt langfristig etablieren wird, sie hat auf jeden Fall einiges zu bieten – auch wenn sie keine Unsterblichkeit garantiert, wie August Engelhardts Geschichte beweist.

SPACER

Photos © flickr-User Dario Sanches, Chandrika Nair, Victor


    Category
    Insights
    Author
    Melanie Dreser
    Date
    22.08.2012