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Die neuen „Leitfragenden“

Der Elfenbeinturm hat seine Türen geöffnet - die Philosophie mischt sich unters Volk. Überall will sie uns plötzlich unterhalten, beraten, überzeugen, ermuntern - und nicht zuletzt den Sinn des Lebens aufzeigen.

Mit nur 24 Stunden Abstand sind in diesem November zwei deutsche, sich der Philosophie im weitesten Sinne widmende Magazine in den Handel gekommen. „Hohe Luft“ und „Philosophie-Magazin“ wenden sich an ein breites, nicht unbedingt akademisches Publikum und fordern die Leser zur Lust am Denken auf. Die Philosophie bzw. das Philosophieren ist auf dem besten Wege, im Laufe der nächsten Jahre in der gesellschaftlichen Mitte anzukommen.

Viele ihrer Vertreter und Betreiber sind nicht länger bemüht, sich elitär von der Masse abzuheben, im Gegenteil: Sie tun alles dafür, um sich leicht zugänglich und auch dem Menschen mit banalen Alltagsproblemen und durchschnittlichem Denkvermögen verständlich zu machen. Die Philosophie ist der neu erglühende Stern am Himmel der Heilung und Erlösung verheißenden alternativen Wege in einer krisengeschüttelten Zeit, in der die Sehnsucht nach Orientierung und Sinn die Menschen umtreibt.

Neue Magazine

„Philosophie im Alltag“ heißt das dann oft, und Angebote gibt es viele, vom kleinen Gesprächskreis bis hin zum Institut. Die beratenden Philosophen bieten Unterstützung in Krisen (und Krise hatten bzw. haben wir seit Jahren bekanntermaßen genug) und Hilfe bei der Beantwortung der großen Fragen des Lebens. Im Bürgertreffpunkt Bahnhof Lichterfelde beispielsweise ist jüngst eine „philosophische Gruppe“ eingerichtet worden, die ihren Teilnehmern dazu dienen soll, „ein ausgeglichenes und harmonisches Leben zu führen.“
Richard David Precht, von der Zeit als „unser Bürgerphilosoph“ bezeichnet, machte 2008 den Anfang, und seither hat sich eine Menge getan in der Philosophie-Szene. Die präsentiert sich nämlich alles andere als verstaubt und unpragmatisch. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass die Anbieter den Genuss- und Spaßfaktor ihrer philosophischen Dienstleistungen gar nicht genug betonen können, was vermutlich daran liegt, dass viele Menschen mit Denken, insbesondere auf philosophischer Ebene, nicht unbedingt eine Entspannungsmethode oder auch nur etwas Angenehmes in Verbindung bringen. Die modern life school („Von der Kunst, besser zu leben“), ebenfalls eröffnet im Jahr 2011 und ansässig im Hamburger Gängeviertel, setzt dem Philosophieren einen lässig-modernen Rahmen. Hier kann man sich in „classes“, „weekends“ und „specials“ weiterbilden zu Themen wie „how to be cool“, „sich ins Leben verlieben“ oder „Kauf Dich glücklich“. Team und Themen sind interdisziplinär. Philosophie, Psychologie, Literatur, Kunst und Unterhaltung sollen hier mit einander verbunden, neues und anderes Denken den Schülern vermittelt werden. Wichtig: Sich mit dem Ernst des Lebens zu befassen, so die Botschaft, soll auch Spaß machen. Und so läuft die Facebook-Seite des Unternehmens, zu dessen „schoolmastern“ Theologen, Philosophen, Soziologen, Künstler und Kulturwissenschaftler gehören, konsequenterweise unter der Kategorie Kunst/Unterhaltung/Nachtleben.

„Echte Philosophie zum Anfassen“ will die school bieten und mit Themen des täglichen Lebens und Sinnfragen zum Nachdenken anregen. Dabei geht es um nicht weniger fundamentale Fragestellungen als um: „Was macht wahre Freundschaft aus?“, „Wie bringe ich mein Leben in Ordnung?“, „Was ist ein glückliches Leben und wie sieht eine gute Entscheidung aus?“ Und weil Genuss hier so weit vorne steht, heißen Konversationszirkel in der modern life school auch „Gastrosophy“ und finden stets in einem Lokal oder Restaurant statt, das passend zum jeweiligen Thema ausgesucht wird.

Während die modern life school die Frage nach der Alltagstauglichkeit von Philosophie längst bejaht hat, fand im Hypermarché, das gleichzeitig Pop-Up-Store, Eventlocation und „ein guter Ort im Hamburger Winter 2011“ in der Hamburger Hafencity ist, kürzlich das erste Philosophische Abendbrot statt. Das Thema: Wie können wir die Philosophie in unseren Alltag integrieren? Der Antwort versuchte man sich durch Reflektieren „bei brot, butter, käse, schinken und rotwein“ zu nähern, über das, „was uns täglich beschäftigt“. Das ganze sei ein Versuch, „damit einen philosophischen Dialog herzustellen.“ Die Ankündigung sprach von einem „Experiment mit Prozesscharakter.“

Nicht nur Privatpersonen, auch Unternehmen suchen. Zum guten Ton eines jeden Unternehmens gehört es, eine „Philosophie“ zu haben. Jetzt stellen Firmen ihre hauseigene Philosophie nicht mehr nur auf die Website und verleihen ihr Ausdruck in ihren Kundenmagazinen, sondern lassen sich unternehmensphilosophisch beraten. Nach Jahren des Rechnens und Effizient-Machens setzt sich die Erkenntnis durch, dass Mitarbeiter bessere Arbeit leisten, wenn sie sich positiv mit ihrem Unternehmen identifizieren. Das Institut für Marken- und Unternehmensphilosophie unter Geschäftsführer Dominic Veken beispielsweise stattet seine Kunden mit einem „Corporate Spirit“ aus. Dieser soll Mitarbeiter motivieren, indem er sie begeistert.

Beim Hype um die Philosophie geht es um Orientierung. Es geht um Halt, um die Wiedererlangung von innerer Stärke, um die Rückbesinnung auf Werte und um deren feste Verankerung in unserem Alltag. Dies gilt sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen. Nachdem wir in den vergangenen Jahrzehnten eine Schwemme von fernöstlichen Glaubensrichtungen, Methoden und Ansätzen erlebt haben, schauen wir nun in unseren eigenen Schatzkammern der abendländischen Denkkultur nach, was die uns an Orientierungshilfen geben können. Auf dass wir endlich wieder in der Lage sein mögen, GUTE und RICHTIGE Entscheidungen zu treffen.


    Category
    Insights
    Author
    Henriette Eva Kiernan
    Date
    18.12.2011