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Ich fühle mit mir

Perfektionismus und überhöhte Ansprüche an sich selbst spielen eine nicht unwesentliche Rolle beim Thema Burnout. Den inneren Kritiker, dem nichts gut genug ist, kennen viele von uns nur zu gut. Höchste Zeit für Selbsteinfühlung.


Psychische Leiden machen heutzutage einen großen Teil der Krankheitsfälle aus. Laut einer Studie der Techniker-Krankenkasse werden Arbeitnehmer wegen Burnouts jedes Jahr für etwa zehn Millionen Arbeitstage krank geschrieben. „Burnout“, so unspezifisch der Begriff auch sein mag, ist in aller Munde, und jeder hat vermutlich jemanden im Bekanntenkreis, der mit dieser Diagnose der Arbeit fern blieb - oder sich gefühlt zu den davon Betroffenen zählt. Die Belastung durch Arbeit, Familie und durch die Erwartungen, die „die Gesellschaft“ oder man selbst an sich stellt, wird als groß, wenn nicht erdrückend empfunden. Wer ständig unter dem Druck steht, sich zu optimieren, 180 Prozent zu geben und stets die richtigen Entscheidungen zu treffen, kriegt es früher oder später mit der Angst: nicht gut genug, schön genug, klug genug, erfolgreich genug zu sein (die Liste lässt sich beliebig fortsetzen). Der renommierte Therapeut Wolfgang Schmidbauer spricht von einer Generation Angst - in der globalisierten Welt, so sagt er, nähmen Ängste allein schon deshalb zu, weil sie „eine biologische Reaktion auf Unübersichtlichkeit und Reizüberflutung sind“. Das Leben mit seinen zahllosen Wahlmöglichkeiten und Unsicherheiten muss kontrolliert werden. Wer die Kontrolle behalten will, muss funktionieren, und zwar gut. Viele Frauen und Männer kapitulieren vor der psychischen Dauerbelastung und entwickeln schwere Stresssymptome, Ängste, Süchte oder gar eine Depression.

Wie begegnen wir diesem Phänomen, das sich so vehement verbreitet? Es gibt viele Ansätze, doch die wichtigsten Punkte scheinen dabei zu sein: Entschleunigen, Entspannen und Achtsamkeit den eigenen Grenzen gegenüber entwickeln. Das Problem, so die Amerikanerin Dr. Kristin Neff, liegt im Kern darin, dass wir vergessen haben, dass „Nicht-Perfektsein“ untrennbar zum Menschsein dazu gehört. Mit unserem Perfektionismus schaffen wir uns tagtäglich immer und immer wieder kleine oder große Enttäuschungen. Und nicht nur das. Die Traurigkeit, Angst und Scham, die wir empfinden, wenn wir „scheitern“ (und sei das auch nur im Kleinen) nehmen wir oft gar nicht wahr sondern gehen direkt dazu über, uns selbst noch kleiner zu machen, uns zu rügen, uns über unsere eigene Unzulänglichkeit zu ärgern und dafür zu bestrafen. So treibt der innere Kritiker uns dazu an, es immer noch besser machen zu wollen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen - und ist alles andere als gesund.

Auf www.self-compassion.org schildert Neff Wege, wie man diesem deprimierenden Teufelskreis entkommen kann. Der Schlüssel zu einem gesunden Umgang mit den Widrigkeiten des Alltags ist lauf Neff self compassion, das Mitgefühl mit sich selbst. Dies ist keine ganz neue Entdeckung. Im Buddhismus ist die achtsame, liebevolle Haltung sich selbst (und anderen) gegenüber Kern der Lehre, und sie hat Einzug in viele Formen von Therapien genommen - von der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg bis hin zur Technik der MBSR - Mindfulness Based Stress Reduction.

Mitfühlend mit sich selbst zu sein umfasst drei Komponenten. Der erste ist, das eigene Leiden überhaupt erst einmal wahr zu nehmen. Der zweite: Gütig und fürsorglich sich selbst gegenüber zu sein, sobald man sich des Leidens bewusst wird. Der dritte: Sich stets daran erinnern und akzeptieren, dass kein Mensch perfekt ist und dass unsere menschliche Existenz die Erfahrung von Unzulänglichkeit und Fehlern unweigerlich mit sich bringt sowie die realistische Betrachtung dessen, was passiert ist. Das bedeutet: Nichts klein machen oder abtun, aber auch nichts überdramatisieren. Dr. Neff beruft sich auch wissenschaftliche Studien, nach denen Menschen, die einfühlsam mit sich selbst sind, weniger zu Depressionen und Ängsten neigen als jene mit dem Hang zur Selbstkritik. Darüber hinaus haben Selbst-Mitfühlende ein höheres Vertrauen in ihre Selbst-Wirksamkeit, also in ihre Fähigkeit, zu Handeln, ihr Leben zu gestalten und erfolgreich zu sein. Dies wiederum wirke sich positiv auf ihre Motivation aus. Je ausgeprägter die mitfühlende und fürsorgliche Haltung sich selbst gegenüber, desto weniger Versagensängste sind vorhanden.

Ebenso, wie Fehlbarkeit zum Menschsein dazu gehört, hat jeder Mensch von Geburt an das Recht auf Liebe, Anbindung und Akzeptanz, so Kristin Neff. Und die gilt es zuerst und vor allem bei sich selbst zu suchen.

via Geo Wissen Nr. 48; www.self-compassion.org

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Photo © Flickr User
Martin Erpicum


    Category
    Insights
    Author
    Henriette Eva Kiernan
    Date
    12.02.2012