Soziales Mimikry - Exactitudes zeigt das Selbst in Serie

Foto © Ari Versluis & Ellie Uyttenbroek, 92 - Pin-Ups London, 2008, from the series Exactitudes, courtesy Flatland Gallery.
Gibt es Individualisierung und Distinktion überhaupt? Seit 1994 fotografieren die Niederländer Ari Versluis & Ellie Uyttenbroek Personen in identischer Pose und beweisen das Gegenteil.
„Kreiere Deinen eigenen Style!“, schreit es von unzähligen Zeitschriftentiteln. „Unterstreiche Dein Ich“, könnte eine weitere Formel lauten, deren kleinster gemeinsame Nenner die Annahme ist, dass ein modischer Kleidungsstil Ausdruck von Individualität ist. Da bleibt die Tatsache eine Randnotiz, dass der Ursprung moderner Garderobe gerade im Militär liegt. Das zeigt sich heutzutage in der „Nur-Drei-Teile-Schlange“ bei H&M oder neuerdings verstärkt bei Primark, dem vereinheitlichten normierten Größensystem und in zahlreichen Kleidungsstücken wie T-Shirts, die direkt aus dem militärischen in den zivilen Bereich eingewandert sind und als Modeklassiker nicht mehr wegzudenken sind.
Dieses interessante Wechselspiel zwischen Uniformität und Individualität wird in einem Projekt der Niederländer Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek aufgegriffen. Es heißt „Exactitudes“.
Seit 1994 fotografieren sie jeweils zwölf Personen in identischer Pose und ähnlichem Outfit. Die Bilderreihen sind statisch und folgen einem strengen Aufbau. Die bestehenden 136 Serien von „Gabbers“ bis „Uomo Espresso“ verdeutlichen, dass Menschen trotz Individualisierung und Distinktion bestimmten Dresscodes folgen. Der Vergleich sowohl zu Lifestyle- und Zielgruppenanalyse als auch zu Milieustudien ist naheliegend. Und ja, das Projekt kann als bespielhafte Veranschaulichung einer These aus dem Standardwerk von Gerhard Schulze „Die Erlebnisgesellschaft“ gelten.
In dieser kultursoziologischen Studie stellt Schulze die These auf, dass der kleinste gemeinsame Nenner aller Individuen das Streben nach positiv bewerteten Erlebnissen ist. Das Problem ist die damit verbundene Unsicherheit, immer die ‚richtige‘ Wahl zu treffen, um kontinuierlich positiv bewertete Erlebnisse bzw. Glück zu erfahren. Dadurch entsteht ein Orientierungsdruck, der dazu führt, dass der Mensch folglich auf bekannte Erlebnismuster zurückgreift, die in bestimmten Milieus zum Ausdruck kommen – so auch in den „Exactitudes“.
Doch geht das Individuelle tatsächlich verloren. Wird das „Ich“ zum „Wir“ oder „Du auch“? Wenn man die Uniformität der beigen Mäntel, Daunenjacken, Frisuren und Accessoires durchdringt, bestechen die Aufnahmen plötzlich durch die Differenz jedes Einzelnen.
Auf der Homepage können alle Serien eingesehen werden. Zahlreiche Beispiele sind zusätzlich mit einem Audio-Kommentar unterlegt, der bestimmte Aussagen, Stichwörter und Ausdrücke beinhaltet, die mit der fotografierten Gruppe in Verbindung gebracht werden.
