Velo Chic – Fahrräder verdrängen das Auto als Statussymbol

Urban, retro, hochpreisig – so lassen sich heute viele Fahrräder beschreiben, mit denen sich junge, trendbewusste Städter fortbewegen.
Der Anteil von Fahrrädern am Verkehrsaufkommen in den letzten Jahren hat deutlich zugenommen: In vielen Städten sinkt die Nutzung von Autos zugunsten der umweltfreundlichen Zweiräder, vielerorts ist zu beobachten, wie Stil, Design und Markenidentität für Radfahrer und -fahrerinnen wichtiger werden als funktionale Mechanik bzw. diese ergänzen. Der Wandel vom Fahrrad als Transportmittel oder Bastelobjekt für technisch Versierte hin zum Statussymbol für trendbewusste junge Großstädter ist deutlich: unter den 18-25 Jährigen geht laut einer Studie des Center of Automotive (der FHDW Bergisch Gladbach) die emotionale Bindung an das Auto zurück, bei 20-30% dieser Altersgruppe ist sogar gar kein Bezug zum Pkw jenseits der Fortbewegung mehr vorhanden.Wird das Auto als des Deutschen liebstes Spielzeug also abgehängt?
In Deutschland gibt es beinahe genauso viele Fahrräder wie Einwohner, pro Jahr werden 4,5 Mio. Räder neu gekauft, die Fahrradbranche verzeichnet jährlich einen (steigenden) Umsatz von 4 Milliarden Euro. Anstatt einfach nur mit dem Rad von A nach B zu fahren, strömen die Besucher zu regionalen Fahrradshows wie der Cycolonia, der Velo Frankfurt oder der Berliner Fahrradschau. Die Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen erweitert nahezu im Jahrestakt ihre Ausstellungshallen. Bei illegalen Undergroundrennen, den Alleycats, trifft sich nicht nur die Kurierszene, sondern auch ein trendbewusstes Publikum. Sogenannte Tweedruns, bei denen in der Mode vergangener Jahrzehnte Radgefahren und dem Retrochic gehuldigt wird, stehen ebenfalls hoch im Kurs beim urbanen Publikum. Spaß statt Leistung ist auch das Motto von Veranstaltungen wie Schlaflos im Sattel, Critical Dirt oder Klassikerausfahrten auf alten Rennrädern. Hier starten waschechte Sportler neben Genussradlern, Tandempaaren und Freizeit-Stylisten. Sie verbindet: Die Liebe zum Fahrrad.
Spätestens seitdem Bekleidungshersteller wie Levi’s ihre Alltagskollektion durch fahrradtaugliche Jeans ergänzen und kleine Designbüros liebevolle Accessoires rund ums Rad herstellen, sind Velo-Chic und Velo-Couture im Konsumverhalten angekommen. Hochwertige – und vor allem teure – Fahrradausrüstung und Bekleidung gehören zum Radkultur dazu, schließlich lag der Durchschnittspreis laut dem Zweirad-Industrie-Verband für ein Rad im Jahr 2011 bereits bei knapp 500 Euro. Dabei speist sich die Anziehungskraft der Produkte nicht nur aus gutem Material, heutige Fahrradprodukte transportieren ein Image: Der Bekleidungshersteller Rapha beispielsweise liefert zu seinen exklusiven Produkten ästhetisch ansprechende Videoclips und huldigt darin den Helden des harten Rennradsports – eine gute Möglichkeit zur Wunschprojektion für seine Kunden.
Die Gründe für eine zunehmende Verbreitung des Fahrrads sind somit nicht nur in steigenden Spritpreisen und Transportkosten zu suchen, das Zweirad erreicht vielmehr eine emotionale Bindung, die über Werte transportiert wird. Da ist zum einen das Gefühl von Freiheit, das von den Radlern mit Flexibilität und Schnelligkeit im Stadtverkehr verbunden wird. Unabhängig vom Nahverkehrsnetz bewegen sie sich auf extra gebauten Radspuren an den Autos vorbei – und tun gleichzeitig etwas für ihre Gesundheit. Fahrradfahren ersetzt damit den Gang ins Fitnessstudio, passionierte Radfahrer ziehen die Bewegung an der frischen Luft der klassischen ‚Muckibude‘ vor. Außerdem hat Radfahren einen hohen Gemeinschaftsfaktor: gemeinsame Ausfahrten mit Freunden, Picknicktouren oder eine gemütliche Sonntagsfahrt mit der Familie sind häufig unternommene Freizeitaktivitäten. Beim sportlichen Radfahren steht die Kombination aus Körpergefühl, Umgebungserkundung und Geschwindigkeitsrausch im Vordergrund. Der Radhersteller Rose ermittelte sogar, dass Radfahren mittlerweile die beliebteste Outdoor-Sportart in Deutschland ist.
Dennoch hätte das Fahrrad nicht den Rang eines Statusobjekts bekommen, würde es nicht auch Individualität versprechen. Individualität kann dabei sowohl vom Besitzer als auch vom Hersteller aufgebaut werden: mit wenig Aufwand lassen sich Komponenten am Rad austauschen und an individuelle Wünsche anpassen. Der zusätzlichen Ausstattung sind dabei keine kreativen Grenzen gesetzt: ob Klingel, Kettenblätter, neue Reifen oder gleich ein ganz neuer Rahmen, der Fahrradmarkt bietet heute eine unbekannte Vielfalt an Komponenten für jeden Geschmack und Bedarf. Wer es sich leisten kann, lässt sich sein Rad gleich passgenau bauen – oder greift auf die Modelle von spezialisierten Nischenherstellern zurück: Firmen und Marken wie Dailybread, Retrovelo oder Fixie Inc. setzten und setzen individuelle Radkonzepte um. Rahmenbauer wie Ulrich Vogel, Kai Bendixen oder Uwe Marschall bauen und lackieren sogar Fahrradrahmen nach Maß und Wunsch.
Es lässt sich also durchaus von einem neuen ‚Lebensgefühl Fahrrad‘ sprechen, auch Publikationen wie das Radkulturmagazin fahrstil oder das Spokemagazine verdeutlichen diesen Trend. Ob klassisch gestyltes Ballonrad, maximal reduzierter Stadtflitzer oder hochgezüchtete Rennmaschine: Die florierenden Nischen der Fahrradwelt sind Ausdruck einer wieder erwachenden Velokultur, die Transport, Erholung, Sport und Stil immer wieder neu verbindet und die Möglichkeiten des Konzepts „Fahrrad“ mit einem Augenzwinkern auslotet. Die Zeichen stehen gut für’s Rad.
Foto © Gesche Gerdes
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