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Das Geheimnis der ewigen Jugend

Zweiundvierzig! Zwölf! Hundertfünfzig! Drei Zahlen als Einstieg für alle, die sie nicht kennen – Die drei Fragezeichen. Hundertfünfzig Folgen. Zwölf Millionen verkaufte Bücher. Zweiundvierzig Millionen verkaufte Tonträger. WIE BITTE???

Wir übernehmen jeden Fall: Die drei Fragezeichen sind die erfolgreichste Hörspielserie aller Zeiten. Dabei wird die Kinderserie vor allem von Erwachsenen gehört. Aber warum? Zur hundertfünfzigsten Folge sehen wir uns das mal an.

Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews sind die Helden einer Kinderbuch- und Hörspielserie. Sie leben in der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Rocky Beach in der Nähe von Los Angeles und betreiben dort ein Amateur-Detektivbüro („Detektive? Seid Ihr dafür nicht ein bisschen jung?“) mit einem ausrangierten Campinganhänger auf einem Schrottplatz als Zentrale. Die Handlung besteht aus einer Reihe von rätselhaften Kriminalfällen, meist mit ein paar Grusel-Elementen angereichert, die sich jedoch regelmäßig als menschengemacht entpuppen, wenn die Halunken überführt werden.

So weit, so schlicht. Aber dann: über hundert goldene und etliche Platin-Schallplatten. 32 Jahre Hörspielproduktion mit denselben Sprechern, die immer noch wie Teenager klingen – und kein Ende in Sicht. Hunderttausende von erwachsenen Fans, die Record-Release-Partys mit Pre-Listening stürmen, sich in angesagten Kneipen zu Hörspielabenden versammeln oder im „Vollplayback-Theater“ zum Original-Soundtrack inszenierte Pantomimen bejubeln. Ausverkaufte Tourneen mit Live-Hörspielen, alleine 15.000 Zuhörer an einem Abend in der Berliner Waldbühne. Dutzende von detailreichen Fanpages und Foren. Tribute-Stücke und -Alben von angesagten Musikern, Bands, die sich nach einzelnen Folgen benennen („Karpatenhund“), Gastauftritte absolvieren („Fettes Brot“) oder Rocky Beach als Lieblings-Reiseziel angeben (Moses P.). Zwei eigenständige Spin-off-Serien (Die drei ??? Kids und Die drei !!!). Computer- und Handyspiele, eine Mitrate-App. Adventskalender mit einem Rätsel für jeden Tag oder Mini-Hörspielen zum Download alle zwei Tage. Zwei erfolgreiche Kinofilme, ein dritter in Planung. Keiner schämt sich, zuzugeben, dass er eine Kinderserie hört, im Gegenteil: die drei Fragezeichen sind hip. Und als Ausgang für das ganze Spektakel: die deutsche Adaption einer amerikanischen Jugendbuchserie, die dort vor Jahren wegen Erfolglosigkeit eingestellt wurde. Kann uns das bitte mal jemand erklären?

Wir brauchen nicht lange zu suchen - die drei Fragezeichen sind natürlich längst auch Gegenstand von wissenschaftlichen Arbeiten geworden. Eine davon, eine statistische Diplomarbeit, brachte allerhand Interessantes zum Serienpublikum heraus.

Das Durchschnittsalter der befragten Serienfans liegt bei 30,5 Jahren, das Durchschnittsalter beim Erstkontakt mit der Serie bei 8,87 Jahren. Das erklärt nebenbei, warum die Serie fast ausschließlich ein westdeutsches Phänomen ist – die Fans, die den Detektiven seit über 20 Jahren treu geblieben sind (und deren Erstkontakt zu 80 % über Kassetten erfolgte), sind eben noch vor der Wende zu Anhängern geworden. Und was für anhängliche Anhänger: durchschnittlich verfügen sie über nicht weniger als 120 Folgen, die sie wieder und wieder hören.

Ein Wissenschaftler von der Chulalongkorn University, Thailand, vertritt die These, dass der sensationelle und anhaltende Erfolg der Serie in Deutschland, im Gegensatz zum Ursprungsland, mit einer spezifisch deutschen Amerika-Rezeption zusammenhänge.

Er vermutet eine Art Karl-May-Effekt – eine Applikation deutscher Wertestandpunkte auf Amerika als ein mythisches „Anderes“. Als spezifisch amerikanisches Wertesystem nennt er eine Mischung aus Liberalismus, Individualismus, Egalitarismus, Populismus und einer Art von antiautoritärem Laissez-faire. Die drei Detektive aber sind in allem das Gegenteil: ein hierarchisch wohlorganisiertes Team von drei Strebern mit einem altklug-elitär intellektualisierenden Anführer, eingebettet in einen Sozialzusammenhang von unerschütterlichen Autoritäten und festen Normen – Familie, Schule, Staatsgewalt. Die drei Hauptfiguren taugen wenig zum amerikanischen Helden: ein dicklicher Wichtigtuer, ein allzeit bibbernder Hasenfuß und ein dröger Archiv-Stöberer. Oder, in den Worten ihres Erzfeindes Skinny Norris: Sherlock Holmes im Breitformat, Peter „der Schisser“ Shaw und Mr. Langweilig Bob Andrews. Die drei sind einfach kein US-taugliches Identifikationsangebot. Kein Wunder, dass die Serie im Ursprungsland wenig Erfolg hatte: „The combination of intellectual, softy, and bookworm is about the worst possible choice as far as possibilities for commercial success in the U.S. are concerned“.

Aber in Deutschland. Bildungsgehabe, Furchtsamkeit und geduldige Fleißarbeit waren hier offenbar alles andere als ein K.O.-Kriterium. Dazu kommt die Art der Fälle: Worträtsel, die mehr Kombinationsgabe fordern als Action-Einsatz, und klassische Elemente der Schauerromantik, denen man sich stellt und die dann allesamt rationell wegerklärt werden. Kein einsamer Held, der sich heroisch über alle Konventionen hinwegsetzt, sondern festgelegte Aufgabenfelder in Gruppenarbeit (die drei Detektive reden sich manchmal sogar gegenseitig mit Nummern an: „Erster!“, „Zweiter!“, „Dritter!“). Bildung, Kombinationsgabe, Vernunft, Tapferkeit, Ordnung und Mannschaftsgeist. Was für eine Mischung.

Hm. Das wirft ja ein interessantes Licht auf die Sehnsuchtsfelder der Jugend in den achtziger Jahren. Aber ist das mit dem Bildungsbürgertum in Deutschland nicht ein bisschen sehr einfach gedacht? Immerhin: über 40 % der befragten Serienfans haben ein Studium abgeschlossen, weitere 18 % sind aktuell Studenten. Das lässt schon auf eine gewisse Kopflastigkeit beim Publikum schließen. Aber als Erwachsener Kinderkassetten zu hören, das hat nicht viel mit Vernunft zu tun.

Statt dessen funktioniert die Serie als emotionaler Jungbrunnen, als Zeitmaschine in die Gefühlszustände der Kindheit. Anstrengungslos und alterslos gleiten die drei ewigen Teenager durch die Jahrzehnte. Sie überdauern Autoren, Tonträgerformate, Kommunikationstechniken, Moden und Generationen. Die Sprecher, die längt auf die Fünfzig zugehen, schaffen es immer noch, zu klingen wie Jugendliche. Und sie geben den Hörern die Möglichkeit, zu hören wie Jugendliche und sich in den Kindheitsfrieden zurückzuträumen: in Rocky Beach ist die Welt in Ordnung. Und die Zeit steht still, in gefühlt ewigen Schulferien.

Wann hören denn die Hörer die Hörspiele? Über 40 % hören sie täglich oder fast täglich, zwei Drittel mindestens wöchentlich. Und zwar zum Entspannen (20%) oder (mehr als die Hälfte) – zum Einschlafen. Und drei Viertel geben an, das sie die Folgen „unzählige Male“ hören. Es geht nicht darum, gespannt mitzufiebern, neue Abenteuer zu erleben und neue Rätsel zu lösen. Statt dessen wird Bekanntes wieder und wieder gehört: da geht es um Geborgenheit im Beständigen, um Vertrautheit, Sicherheit und Verlässlichkeit. Die drei Fragezeichen schenken ihren Hörern ein Stück Kindheit zurück, sie geben ihnen die Vergangenheit wieder. Und die Vergangenheit ist unvergänglich.

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    Category
    Visionen
    Author
    Enno Blanke
    Date
    18.12.2011