#MINDSET2030

Wiebke Eberhardt
New Business und Marketing Strategist
02.09.2021 | Lesezeit: 4 Minuten

CHANGING CULTURES MAGAZIN > MINDSET2030 > arts | business | SCIENCE: Ulrike Pfreundt

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5 Fragen zur nachhaltigen Zukunft an die Meeresforscherin und Mitgründerin von rrreefs Ulrike Pfreundt. Im Interview spricht sie darüber wie die Kombination aus technischer Entwicklung, Kunst und Wissenschaft dem Korallensterben entgegenwirken kann und was uns im Jahr 2030 erwartet.

 

 

Ulrike Pfreundt ist Mitgründerin von rrreefs, einer Non-Profit-Organisation, die Korallenriffe mit einem neuartigen 3D-gedruckten Riffsystem wieder aufbaut und regeneriert.

Mit einem Doktortitel in Molekular-genetik und mikrobieller Ozeano-graphie stellt Ulrike sicher, dass das Riffsystem ökologisch intakt ist. Mit über 9 Jahren Erfahrung im Labor und Meer hat sie wissenschaftliche Projekte entwickelt und geleitet. Ihre besondere Stärke ist es, techno-logische Fortschritte und wissen-schaftliche Erkenntnisse zu kombinieren, um neue Ideen zu entwickeln.

STURMundDRANG: Was hat Sie als Meeresbiologin bei Ihrer Forschung bisher am meisten überrascht?

Ulrike: Das immer noch so wenig interdisziplinär zusammengearbeitet wird. Schaut man die Größe und Komplexität der Probleme an, die es heute zu lösen gilt, wundert es mich immer wieder, wie wenig wirklich fächerübergreifend konzipiert und gearbeitet wird. Das liegt sicher auch daran, dass wir in der akademischen Ausbildung nicht unbedingt darauf trainiert werden, Physiker*innen, Ingenieur*innen, oder Künstler*innen zu verstehen oder um Zusammenarbeit zu bitten. Dazu muss ich sagen, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Meeresbiologie schon weitaus weiter gediehen ist, als bspw. in der Molekulargenetik, meinem früheren Forschungsgebiet. Für unser Projekt rrreefs – dem Wiederaufbau von ganzen Riff-Ökosystemen – war von Anfang an klar: das geht nur durch engste Zusammenarbeit sehr unterschiedlich denkender Menschen. Wir haben zu zweit angefangen – eine Meereswissenschaftlerin und eine bildende Künstlerin. Anders hätten wir es auch nie so weit geschafft.

 

SuD: Welchen Einfluss haben Korallenriffe auf unsere Zukunft?

Ulrike: Das Fortbestehen der Korallenriffe hat einen sehr großen Einfluss auf unser aller Zukunft. Das erscheint zunächst unerwartet, wird aber sehr deutlich, wenn man sich die globalen Zusammenhänge ansieht: In Korallenriffen leben ca. ein Viertel aller bisher bekannten Meerestierarten – die Biodiversität ist sogar höher als im tropischen Regenwald. Vor allem Jungtiere finden Unterschlupf und Nahrung in den Riffen, leben aber als erwachsene Tiere durchaus in anderen Ökosystemen der Meere. Allein aus biologischer Sicht sind Korallenriffe also unglaublich wichtig für einen gesunden Ozean. Leiden die Riffe, so leidet das Meer als Ganzes, und damit die natürlichen Gleichgewichte: Ohne gesunde Meere gibt es keinen gesunden Planeten, denn sie regulieren das Klima, produzieren Sauerstoff und Nahrung. Nicht zuletzt sind gesunde Meere aber auch Inspiration, Wellness und Kultur. Denn Korallenriffe bieten auch sehr konkrete Dienstleistungen: Sie schützen die Küsten vor Erosion, und mit Tourismus, Fischerei und Arzneimitteln hängen ganze Wirtschaftszweige an ihnen.

 

SuD: Wie entstand die Idee, Korallenriffe 3D drucken zu lassen? Was war Ihre Motivation?

Ulrike: Ich habe selbst erlebt, wie die farbenfrohen Riffe, die ich früher erleben durfte, zu braungrauen Wüsten wurden. Als ich dann anfing, mich wissenschaftlich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wurden mir die umfänglichen Auswirkungen und die Dringlichkeit des Problems schnell klar. Riffe leiden aus vielen Gründen: Klimawandel, Überfischung, Verschmutzung. Bis 2050, so die Prognosen, verlieren wir über 90% aller Korallen weltweit, wenn wir tatenlos bleiben. Das Korallenriff lebt von und durch seine komplexe dreidimensionale Struktur. Erst die Struktur macht das Riff zu dem, was es ist. Und diese Struktur geht verloren, wenn die Korallen absterben. Dann ist das ökologische Gleichgewicht gestört, und nur selten regeneriert sich ein solch zerstörtes Riff von selbst wieder. Hier setzen wir an. Wir geben dem Riff seine Struktur zurück. Dann kommen die Korallen und all die anderen Lebewesen von selbst wieder zurück. So bleibt der Lebensraum erhalten und das Riff kann seinen Beitrag zum Küstenschutz leisten.

 

SuD: Welche Zukunftsprognose halten Sie für falsch?

Ulrike: Ich glaube nicht, dass alles den Bach runtergeht und die ganze Welt im Chaos versinken wird. Sicher – vieles läuft absolut falsch. Wir zerstören unseren Planeten rasend schnell, das Leben vieler Menschen wird immer noch mit Füßen getreten, und die Existenz vieler nicht-menschlicher Arten erst recht. Das regt mich regelmäßig sehr auf und macht mich unglaublich traurig. Aber ich bin im Kern Optimistin, und ich sehe viele Anzeichen für eine Wende: Das Bewusstsein wächst! Dafür, dass wir Menschen abhängig sind von einem gesunden Planeten, gesunden Meeren und Regenwäldern, gesundem Klima. Ich denke, wir sollten ab und zu aber milde zu uns selbst sein. Die heutige Situation ist aus unserer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung heraus entstanden, und gesellschaftliches Umdenken braucht einfach viel Zeit. Früher hat einiges von dem, was uns heute falsch vorkommt, seinen Sinn gehabt und für viele das Leben verbessert. Wir wussten es ja nicht besser. Aber jetzt wissen wir es – und jetzt werden wir aktiv!

 

SuD: Was wird im Jahr 2030 besser sein als heute?

Ulrike: Die Städte! Ich habe große Hoffnung, dass in den Städten am schnellsten ein Wandel sichtbar wird. Oslo beispielsweise ist heute schon wunderbar leise, es gibt kaum noch Autos in der Stadt und wenn, dann sind die meisten elektrisch. Das bietet wunderbare Chancen. In Städten ballt sich Erfindungsreichtum, die Menschen lechzen nach mehr Grün, mehr Ruhe, mehr Nachbarschaftsgefühl. Ich denke bis 2030 wird es wesentlich weniger Autos in den Innenstädten geben und der freiwerdende Raum wird grüner und mit allerlei spannenden Projekten gefüllt sein. Mit rrreefs wollen wir im Jahr 2030 so weit sein, dass wir ganze Barriere-Riffe wieder aufbauen können und so tropischen Inselstaaten ihre Lebensgrundlage – ein gesundes, schützendes Riff – wiedergeben können.

 

Images ©rrreefs

Mehr zu Ulrike und rrreefs? Hier finden Sie einen weiteren Artikel in der Zeit: "Wir denken groß, aber fangen klein an" – Ulrike Pfreundt will die Korallenriffe vor dem Klimawandel retten. Wie kommt man in der Schweiz auf eine solche Idee? Von