Digitaler Detox der anderen Art: „Bewusst eingesetzt ist das Smartphone ein Hilfsmittel“. © 7Mind

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Apps gegen den Burnout

Immer mehr Menschen machen Erfahrungen mit Stress, Depressionen und Burnout. Eine wachsende Zahl an Onlinetherapien, Selbsthilfeprogrammen und Achtsamkeits-Apps versprechen Heilung, indem sich der Nutzer teils selbstständig mit sich und seinen Beschwerden auseinandersetzt. Nun folgen viele Unternehmen dem Trend zur Selbstoptimierung und schulen ihre Arbeitnehmer in Achtsamkeit.

Psychische Erkrankungen sind einer der häufigsten Gründe für Krankmeldungen. Wer sich mit den Themen Burnout, Depression und Co. auseinandersetzt, landet heute schnell bei dem Wort Achtsamkeit – ein regelrechter Hype, der auf die Krankheiten unserer Zeit reagiert. Es geht dabei um die Suche nach Ruhe und Gelassenheit. In Zeiten steigender Komplexität, Arbeitsverdichtung und Digitalisierung fällt es auch vielen Arbeitnehmern und Führungskräften immer schwerer, die eigene Mitte zu finden. Sie fühlen sich im Dauerstress, weil sie viele Dinge gleichzeitig um die Ohren haben und sich deshalb nicht mehr auf eine Sache konzentrieren können. „Die Stressbelastungen in der Arbeitswelt haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen“, so der Medizinpsychologe und Achtsamkeitsforscher Dr. Niko Kohls. Die Fehltage infolge psychischer Erkrankungen steigen. Unternehmen versuchen dieser Entwicklung entgegenzuwirken, in dem sie ihren Mitarbeitern durch firmeninterne Achtsamkeitstrainings, Meditationsgruppen und Yogakurse zu mehr innerer Ruhe verhelfen. Mitarbeiter großer Unternehmen, wie zum Beispiel Google, nutzen mittlerweile auch Apps, die die Ruhe aus dem Smartphone versprechen. Sie heißen 7Mind, Calm, Buddhify, ausZeit Meditation, Mindfulness Daily, MindHeroes, Zenify oder Headspace.

Handybilder von satten Wiesen, Sonnenuntergängen oder Regentropfen sollen entspannen. © Calm

Sie holen den Sound tibetischer Klangschalen aufs Smartphone, der Entspannungsübungen eröffnet, die zwischen wenigen Minuten und einer halben Stunde dauern können. Mit Kopfhörern lässt sich eine dreiminütige Meditation auch in den stressigen Bürotag einbauen. Man kann Achtsamkeitserinnerungen einrichten, seine Meditationszeiten aufzeichnen oder sich mit anderen Meditierenden weltweit verbinden. Bei 7Mind kann sich der Nutzer zum Beispiel auf bestimmte Themen wie Schlaf, Angst, Gelassenheit, Wut, Glück oder Gesundheit konzentrieren. Außerdem wird es gegen Ende des Jahres die zusätzliche Kategorie @work geben. „Das besondere an diesen Inhalten ist, dass sie speziell auf den Arbeitsalltag ausgerichtet sind“, so Jonas Leve, einer der Gründer von 7Mind. So gäbe es dann Meditationen wie „Vor dem Meeting“, „Abschalten nach der Arbeit“ oder Kurse zu Themen wie „Intuition“ und „Persönliche Entwicklung“.

Digitaler Detox der anderen Art: „Bewusst eingesetzt ist das Smartphone ein Hilfsmittel“. © 7Mind

Aber funktioniert das wirklich? Viele Menschen klagen über digitalen Stress, dem sie sich in Form eines „Digital Detox“, also einer digitalen Entgiftung, lieber entziehen möchten. Dass uns ausgerechnet das Smartphone zu mehr Ruhe verhelfen soll, klingt schon etwas paradox, findet auch Achtsamkeitsforscher Kohls: „Technik, besonders Smartphones, sind ja eher Aufmerksamkeitsvernichtungsmaschinen. Sie nehmen uns weg, was wir in der Achtsamkeit mühsam trainieren.“ Dennoch können sie uns daran erinnern, unsere Achtsamkeitsübung zu machen. Somit übernimmt unser Smartphone so etwas wie die Rolle eines persönlichen Assistenten, um das Bewusstsein für die eigene Gesundheit und das aktuelle Wohlbefinden zu schärfen. „Solange das Smartphone bewusst eingesetzt wird, als Hilfsmittel, um in seinen Rhythmus zu kommen, kann ich nichts Schlechtes daran finden“, sagt Kohls. „Wir haben Unternehmen untersucht, die Achtsamkeits-Apps implementiert haben. Wir haben die Meditationszeiten von Managern mit dem Smartphone getrackt, weil sie das ständig bei sich hatten“, berichtet Kohls. „Bei ihnen zeigte sich eine deutlich höhere Compliance.“

Gelassen arbeiten, fliegen, präsentieren. © MindHeroes

Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass sich Achtsamkeitsmethoden im Unternehmenskontext positiv auswirken. Wer lernt, sich selbst zu beobachten und zu regulieren, ist nicht nur weniger gestresst und stärkt sein Immunsystem. Er ist auch konzentrierter, leistungsfähiger und kann anderen Menschen offener und zugewandter begegnen. „Solche achtsamkeitsbasierten Interventionen haben ihre Wirksamkeit erwiesen und stehen auch zum Teil pharmakologischen Behandlungen in nichts nach“, betont Kohls.

Aber können Handymeditationen Mitarbeiter wirklich vor einem Burnout schützen? „Wir in der Gesundheitsförderung sehen das Ganze mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“ Achtsamkeitstraining sei schon eine Art Gegenbewegung zu unserer Dauerstressgesellschaft. Dennoch sollte es nicht darum gehen, noch mehr aus der Arbeitskraft herauszupressen. „Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt betrifft nicht nur den einzelnen Mitarbeiter, sondern auch die Rahmenbedingungen im Unternehmen, wie etwa Arbeitszeiten, Arbeitsklima und besonders, wie ein Unternehmen geführt wird.“

Und ob diese Bedingungen stimmen, bemerken viele gestresste Mitarbeiter erst, wenn sie durch Achtsamkeitstrainings wieder sensibler werden und genauer hinschauen, wie ihre Umwelt und somit auch das Unternehmen mit ihnen umgeht. So haben einige Mitarbeiter nach entsprechenden Programmen kurzentschlossen den Job gekündigt. „Sie werden skeptischer. Was also sicher nicht funktioniert, ist, wenn der Chef seine Mitarbeiter zum Achtsamkeitstraining schickt, damit sie wieder oder besser funktionieren.“ Die besten Resultate erzielen Unternehmen, wenn die Führungskräfte und Vorstände ebenfalls achtsamer werden. Kohls empfiehlt daher Personalern, zunächst selbst einen mehrwöchigen Kurs zu absolvieren. „Wenn Unternehmen nicht bereit sind, sich selbst zu ändern, schneiden sie sich ins eigene Fleisch.“

Titelfoto: © 7Mind

Fotos: © 7Mind, Calm, MindHeroes

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Autorin: Wiebke Eberhardt

Als New Business und Marketing Strategin sind menschlichen Verbindungen und persönliche Kommunikation für sie echte Herzensangelegenheit. Sie ist verantwortlich für das Changing Culture Magazin und widmet sich mit Leidenschaft der Idee, dass das mächtige Werkzeug Marketing in Zukunft genutzt wird, um zukunftskritisches Verhalten positiv zu beeinflussen und so das Leben zu einem besseren zu verändern.

weberhardt@sturmunddrang.de