#MINDSET2030

Wiebke Eberhardt
New Business und Marketing Strategist
21.09.2021 | Lesezeit: 6 Minuten

CHANGING CULTURES MAGAZIN > MINDSET2030 > arts | BUSINESS | science: Matti Pannenbäcker

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5 Fragen an Matti Pannenbäcker über den Wandel in der Landwirtschaft. Als Gründer und Initiator von WirGarten, unterstützt Matti Gründer:innen dabei, genossenschaftliche, regenerative Gemüsebaubetriebe zu starten. Im Interview spricht er über das Potential der solidarischen Landwirtschaft und skizziert einen Ausblick in die Zukunft.

 

 

Matti ist Initiator des WirGarten-Systems und Gründer des Pilot-betriebs in Lüneburg. Von 2017 bis zum Herbst 2020 war er dort im Vorstand (zuletzt zuständig für Finanzen), hat aber mittlerweile alle operative Verantwortung abgegeben, um sich ganz auf die Weiter-entwicklung des WirGarten-Systems zu konzentrieren. Matti ist außerdem selbstständiger Organisationsberater und berät seit vielen Jahren auch landwirtschaftliche Betriebe.

Im WirGarten e.V. ist Matti vor allem für strategische Themen, Koopera-tionen, Finanzen und Fundraising zuständig und arbeitet gemeinsam mit Mona hauptberuflich für WirGarten e.V.

STURMundDRANG: Matti, du bist Initiator und Gründer des WirGarten-Systems, mit dem ihr Gründer:innen dabei unterstützt, genossenschaftliche, regenerative Gemüsebaubetriebe zu starten. Warum ist die Genossenschaftsidee so relevant für ein neues Wirtschaften und was für ein Potential verbirgt sich dahinter?

Matti: Wir können die großen gesellschaftlichen Krisen unserer Zeit nur gemeinsam lösen. Davon bin ich fest überzeugt. Es braucht viel Einsatz, Ressourcen und Risikobereitschaft, neue Wege auszuprobieren. Das können wir weder von Einzelnen allein erwarten, noch wenigen aufbürden oder überlassen – wir alle sind gefragt, uns einzumischen und aktiv einen Teil der Verantwortung zu übernehmen. Genau das ist die Idee von Genossenschaften im Sinne der Genossenschaftstradition: “Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir zusammen!"

Und ganz konkret für unsere Branche gesprochen: Als Gesellschaft erwarten wir heute von Landwirt:innen, dass sie hochwertige Lebensmittel erzeugen, unsere Kulturlandschaft pflegen, ein hohes Tierwohl gewährleisten, die Artenvielfalt und Bodenfruchtbarkeit fördern sowie unsere Gewässer schützen. Und das alles im superkomplexen Zusammenwirken mit der Natur, mit Boden, Pflanzen, Tieren, Wasser und Klima – eine Arbeit, die in Zeiten der Klimakrise mit Wetterextremen immer anspruchsvoller wird! Trotzdem liegt die Verantwortung allein bei den Erzeuger:innen, die auch das Risiko, etwa von Ernteausfällen, tragen.  Wir sind der Meinung: Wenn es um unsere Lebensmittelversorgung und unsere Lebensgrundlagen wie Boden, Wasser und das Klima geht, dann sind wir alle gefragt: Als Bürger:innen und Konsument:innen können wir aktiv Verantwortung in der Landwirtschaft übernehmen, indem wir uns finanziell beteiligen und so Risiken mittragen. Genau das macht die Rechtsform der Genossenschaft so leicht möglich und so hochinteressant für das neue Wirtschaften! In unserem Pilotbetrieb in Lüneburg, den wir 2017 mit 105 Bürger:innen gegründet haben, tragen mittlerweile über 550 Genoss:innen den Gemüsebaubetrieb mit, und werden dafür jede Woche mit Gemüse aus ihrem Betrieb versorgt.

 

SuD: Was war der Auslöser, den Fokus auf eine regenerative Landwirtschaft zu legen? Was sind die Unterschiede zu einem herkömmlichen Betrieb?

Matti: Wir stehen beim Thema des regenerativen Gemüseanbaus noch am Anfang, tasten uns schrittweise heran und haben oft mehr Fragen als Antworten. Aber unser Anspruch als Organisation ist es, dass zukünftige WirGarten-Genossenschaften nicht nur nachhaltig wirtschaften, sondern aufbauend. Durch die jahrzehntelange Ausbeutung und Verschmutzung der natürlichen Ressourcen Luft, Wasser, Boden und der Ökosysteme ist der entstandene Schaden (Stichwort: Klimakrise, Biodiversitätskrise) so groß, dass nachhaltiges Wirtschaften, also die Bewahrung des Status Quo, einfach nicht mehr ausreicht! Wir müssen als Gesellschaft und Wirtschaft neue Wege gehen, um Ressourcen wieder aufzubauen. Für den Gemüsebau bedeutet das, dass wir zum Beispiel auf eine bodenschonende Bewirtschaftung setzen, einen möglichst ganzjährig durchwurzelten und bedeckten Boden und eine hohe Anbauvielfalt.

Das Paradoxe ist ja: Unsere heutigen Preis- und Bilanzierungslogiken können diese “Zusatzleistungen” gar nicht abbilden, sie sind nach den heutigen Bewertungsschemata wertlos. Hier werden wir als Gesellschaft für das neue Wirtschaften neue Wege gehen müssen. Es gibt bereits spannende Ansätze wie das TrueCostAccounting.

 

SuD: Das Besondere bei WirGarten ist unter anderem die smarte IT-Infrastruktur, um Prozesse digital effizienter zu gestalten. Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für WirGarten, aber auch für die Gründung der traditionsreichen Rechtsform der Genossenschaft? #NatureMeetsDigitalization

Matti: Wir versuchen im WirGarten digitale Tools überall dort zu nutzen, wo sie im Sinne des Unternehmenszwecks dienlich sind und Prozesse durch Standardisierungen und Automatisierungen erleichtern bzw. wirksamer gestalten. WirGarten-Genossenschaften sollen sich auf den Gemüsebau und ihre Mitgliederkommunikation konzentrieren können, und deshalb möglichst wenig Zeit mit Verwaltung verbringen. Der deutschen Rechtsform Genossenschaft fehlt allerdings noch der Internetanschluss. Leider. So kann man heute beispielsweise nur Mitglied in einer Genossenschaft werden, wenn man seine Beitrittserklärung ausgedruckt per Post verschickt. Darunter leidet vor allem die genossenschaftliche Gründungskultur und das große Potenzial – das die Genossenschaft für das neue Wirtschaften hat – wird deshalb meiner Meinung nach nicht ausgenutzt. Gemeinsam mit meiner Kollegin Johanna Kühner von Supercoop Berlin habe ich daher die Initiative #GenoDigitalJetzt ins Leben gerufen, um für die Digitalisierung der Rechtsform zu lobbyieren. Gemeinsam mit über 100 anderen Genossenschaften und Verbänden haben wir fünf sehr konkrete Forderungen an den Gesetzgeber formuliert, um Genossenschaften fit für das digitale Zeitalter zu machen. Mehr unter www.genossenschaften-digital.jetzt

 

 

SuD: Was wollt ihr mit WirGarten in 10 Jahren erreicht haben?

Matti: Unser Antrieb ist, einen Beitrag für ein zukunftsfähiges Agrar- und Ernährungssystem zu leisten: Wir wollen Menschen befähigen, eine artenreiche, klimafreundliche und regenerative Landwirtschaft und eine regionale, saisonale und gesunde Ernährungswirtschaft zu gestalten. Deshalb bereiten wir auch unser Wissen systematisch auf und stellen es als Handbuch für alle kostenlos zur Verfügung, geben unsere Erfahrungen in Online-Kursen an andere weiter und setzen nicht nur alleine auf das WirGarten-System. Toll wäre natürlich, wenn es in zehn Jahren richtig viele WirGarten-Genossenschaften in Deutschland gibt, die regenerativ Gemüse anbauen, und wir in unserem Ökosystem einen Beitrag leisten konnten hin zu einer regenerativen und solidarischen Landwirtschaft.

 

SuD: Ein kleiner Ausblick in die Zukunft – Solidarische Landwirtschaft als Zukunftsmodell – Was muss sich ändern und bei wem, damit es sich durchsetzen kann? Und was kann jede/r Einzelne von uns dazu beitragen?

Matti: Damit sich systemisch wirklich etwas verändert, brauchen wir eine andere Agrarpolitik. Die jährlichen 55 Milliarden Euro EU-Agrar-Subventionen müssen vollständig als Anreize für die Transformation der Landwirtschaft genutzt werden: Für eine Landwirtschaft, die Treibhausgase speichert, Artenvielfalt und Bodenfruchtbarkeit aufbaut sowie Tierwohl und Gewässerschutz fördert. Das ist ja das geniale an der Landwirtschaft: Sie kann vom Problemkind zur Retterin werden. Unser agrarpolitisches System muss “nur” die passenden Anreize für die landwirtschaftlichen Betriebe geben. Wir müssen also unseren politischen Vertreter:innen echt Beine machen – Fridays for future zeigt wie stark der gesellschaftspolitische Druck sein muss, damit sich ein überhaupt etwas in unserem politischen System ändert. Neben dem politischen Engagement hoffe ich, dass immer mehr Menschen und Organisationen verstehen, wie relevant, wie zentral Landwirtschaft für eine lebenswerte Zukunft ist. Solidarische Landwirtschaft, wie wir sie auch beim WirGarten anstreben, bedeutet ja, sich saisonal und regional zu ernähren, mehr selbst zu kochen, nicht immer alles verfügbar zu haben. Und das ist natürlich etwas anderes, als im Supermarkt einzukaufen. Das erfordert ein Umdenken, eine Anpassung des eigenen Konsumverhaltens, und bietet natürlich gleichzeitig die Möglichkeit, als Mitglied einer solchen Landwirtschaft wirklich einen Unterschied zu machen und die natürlichen Zusammenhänge wieder besser zu verstehen. Denn für mich ist Landwirtschaft ein Brennglas unserer Gesellschaft, an ihr können wir ablesen, wie stark wir von der Natur entfremdet sind. Je mehr wir uns mit Landwirtschaft beschäftigen, desto besser für unsere Zukunft.

 

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Images ©Kai-Hendrik Schroeder