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Digitale Körperidentitäten

ZHdK Trends & Identity Studie „Bizarre Bodies“

Gelangweilt von der „hyperidealisierten“ und heteronormativen Bilderwelt auf Social Media entwickeln sich zunehmend neue Formen von digitalen Körperidentitäten. Das Interesse liegt nicht mehr darin, einem einzigen, vorgegebenen Körperideal zu entsprechen, vielmehr wird mit den Grenzen des eigenen Körpers experimentiert. Es entsteht eine neue Ästhetik, die von außergewöhnlichen und irritierenden Wesen geprägt ist. „Bizarre Bodies“ von der ZHdK-Studentin Irena Srdanovic versammelt, verortet und vermittelt diese neuartigen Körperidentitäten von face-mutation bis torso-transformation eindrucksvoll.

Groteske Selbstdarstellung auf Social Media

Seit der Entstehung des Web 2.0 oder Mitmach-Web im Jahre 2004, entstehen gegenwärtig etliche Social Network-Seiten, die den Nutzern die Möglichkeit anbieten, ein neues „Ich“ in der Online-Welt zu konstruieren. Je nach Absicht kann sich der Nutzer so authentisch wie möglich darstellen oder eine ganz neue Online-Identität erschaffen. Instagram scheint hierbei die neue „Bühne“ für die Gesellschaft zu sein. Was für Leigh Bowery sein Nachtclub war und für die Mode der Laufsteg ist, wird von Instagram abgelöst, denn die Reichweite dieser Plattform ist deutlich grösser. Es ist inklusiv und bietet jedem die Möglichkeit sich selbst ins „Rampenlicht“ zu stellen.

Mit dem hauptsächlichen Zweck der Selbstdarstellung des eignen Ichs schafft Instagram so die ideale Basis für Inszenierungen über die authentische Richtung hinaus – teils bis weit in groteske Formen. Hierbei geht es vor allem um das Hinterfragen des eigenen Körperbildes, um das Überschreiten von gesellschaftlichen Normen und um neue Interpretationen der Körperlichkeit. Sie erschaffen ein Alter Ego, ein neues „Ich“, mit Hilfe dessen die Nutzer ihre Fantasie ausleben können.

Übertreibung, Überschreitung, Umkehrung und Verwandlung sind dabei Strategien die angewendet werden und Identitätsentwürfe schaffen, die jenseits des normativen Körperbildes liegen.

Strategien und Hintergrund

Um einen Körper „grotesk" zu gestalten werden unterschiedliche Strategien angewendet, die von einem tiefliegendem Bildwissen, welches aus der Vergangenheit weitertransportiert wurde, beeinflusst werden.

Besonders oft wird die Theorie des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin zitiert. Seine Theorie des grotesken Körpers wurde über die Jahre weitervermittelt und hat unbewusst unsere Vorstellung eines ungewöhnlichen Körpers beeinflusst. Der groteske Körper bringt nach seiner Theorie Heterogenes zusammen, ist transgressiv, spielt mit der Umkehrung von „unten“ und „oben“ und erforscht die Lüste und Ängste der unteren Körperzonen. Diese grenzüberschreitende Denkweise steht in Verbindung zu der Unabgeschlossenheit des Körpers und erforscht alle daraus möglichen Transformationen des menschlichen Körpers. Der Körper befindet sich somit im ewigen Entstehungsprozess und wächst über seine Grenzen hinaus.

Seine Theorie ist auch heute noch relevant und spiegelt sich nicht nur in Werken und Kreationen diverser Künstler und Designer wider.

Mehr als nur ein Mensch

Nebst der Körperform werden Themen wie Spiritualität und Identität über den Körper vermittelt. Mit dem stetig wachsenden Interesse am Überirdischen und einer „unsichtbaren Kraft“ die uns und unser Schicksal leitet, wird auch die Bestimmung und Aufgabe des Menschen hinterfragt. Der Geist und der Verstand werden durch den Körper kommuniziert und herausgetragen. Der Körper ist nicht nur eine Hülle, sondern wird mit dem Innenleben eines Menschen zusammengeführt. Durch diese Verschmelzung von „innen“ und „außen“ öffnen sich Türen für die kreativsten Ausdrucksformen und es entstehen neuartige Körperformen und -identitäten. Der Mensch wird hier als übernatürliches Wesen angesehen, das über seine Fähigkeiten hinauswachsen kann.

Grenzen überschreiten

Die Gestaltung des grotesken Körpers ist eine Methode, sich gegen gesellschaftliche Normen zu stellen. Das Überschreiten von „Grenzen“ ist heute vor allem für die jüngeren Generationen relevant, denn soziale Konstrukte wie Geschlechter und Schönheitsideale werden immer häufiger hinterfragt. Durch Photoshop, Avatare, Make-up oder Latex-Applikationen verändern die Vertreter der grotesken Selbstdarstellung auf Instagram ihr Aussehen temporär.

Offen bleibt jedoch nur noch die Frage, wie sehr sich die Gesellschaft wirklich von den starren Idealen und Normen lösen will, denn wie schon so oft beobachtet braucht so eine Entwicklung viel Zeit und Geduld. Diese Form der Selbstdarstellung scheint im Internet zu bleiben und wird sehr selten in die „reale Welt“ ausgetragen. Sie existiert in einem virtuellen Raum, denn für die meisten bleibt dies lediglich eine Nebenbeschäftigung. Diese „Verwandlung“ ist also nur vorübergehende und die Option, in sein „normales Leben“ zurückkehren zu können, scheint trotz allem attraktiv zu sein. Für die Zukunft bleibt weiterhin offen, ob diese groteske Selbstdarstellung den virtuellen Raum verlässt und alltäglich wird. Das Duo von Fecal Matters macht es schon mal vor, in dem sie sich in ihren „skin-feet-heels“ auf die Strasse stellen.

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Autorin: Irena Srdanovic

Irena hat im Juni 2019 ihr Studium an der Zürcher Hochschule der Künste im Departement Design, in der Fachrichtung Trends & Identity, absolviert. In ihrer Bachelor-Arbeit beschäftigte sie sich mit neuen Körperidentitäten und der grotesken Selbstdarstellung. Dabei entstand die Webseite „Bizarre Bodies“ die diesem neuen Umgang mit dem Körper auf Social Media eine Plattform schenkt und über dieses Phänomen aufklärt: Zu jeder Kategorie gibt es einen kurzen Interpretationstext, der über die Methode, Thematik und Strategie der jeweiligen neuen Körperidentität aufklärt.

info.bizarrebodies@gmail.com