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Changing Cultures Brief - Notizen aus der Bedeutungsökonomie.

In unserem Briefing-Format möchte ich Geschichten, Symbole, Erkenntnisse, Dinge und Gedanken zusammentragen, die ein Bild davon zeichnen, wie der kulturelle Wandel unsere Konsumgesellschaft umformt und welche kulturellen Evolutionsstrategien Menschen, Marken und Organisationen praktizieren, um das neue gesellschaftliche Betriebssystem aufzuspielen.

#1 The People‘s Supermarket.

Zum besseren Einkaufen geschubst werden.
Sind Menschen nicht nur die Märkte sondern auch der Supermarkt? Ist das der Wandel in der Einkaufskultur von Lebensmitteln? Der Londoner Arthur Potts Dawson glaubt daran. Sein 2010 initiiertes Projekt „The People’s Supermarket“ entgegnet den durch-kommerzialisierten Supermarktketten mit erfrischender Menschlichkeit. Im People‘s Supermarkt soll den Menschen das bewusste Einkaufen von Qualität, Regionalität, Nachhaltigkeit und Gesundheit beigebracht werden. Mit allen Schubs-Mechaniken, die die Verhaltensökonomie heute bietet. Kann ein Supermarkt auch soziale und gesellschaftliche Themen im Sortiment haben? Gehört er letztendlich sogar den Menschen? Hier ein paar weiterführende Gedanken im Angebot.

#2 Cancel Culture

Non-grata Kultur. Soziales Stigma im digitalen Raum.
Jederzeit und von überall auf Nachrichten, Ereignisse und Meinungen reagieren zu können, ist eine der Errungenschaften der technologischen Entwicklung. Das Netz ist ein Meinungsschwarm, der immer häufiger vom moralischen Ausschlusskriterium Gebrauch macht: Leider nicht mehr gesellschaftsfähig - raus hier!

Wie lebt es sich in und mit einer „Cancel Culture“, die selbst kleine Fehltritte anprangert und zu Rücktritten und öffentlichen Rechtfertigungen zwingt? Wie verhält man sich nicht nur als Mensch, sondern auch als Marke, wenn man auf gute Reputation und die virale Empfehlung und Meinung des Internetschwarms angewiesen ist? Das Modelabel H&M musste im vergangenen Jahr selbst die Kraft der „Cancel Culture“ erleben. Ein, von einem schwarzen Jungen beworbenes, Shirt mit dem Aufdruck „Coolest Monkey in the Jungle“ sorgte für einen internationalen Shitstorm. Rassismusvorwürfe in den Medien, Hasstiraden und Aufrufe zum Boykott im Netz – eine schwere Zeit für den schwedischen Modekonzern. Der Vorfall ist kein Einzelphänomen, denn das Netz ist wach und angriffslustig. Doch wie geht man als Unternehmen mit derartig direkten Feedbackmöglichkeiten durch Konsumenten um? Eine der Haupt-Challenges im Umgang mit modernen Konsumverhalten, meint auch Markenberaterin Sairah Ashman.

#3 Nach Hause kommen?

Wie Somewhereness zu einer modernen Utopie wird.

Wie verändert sich unser Verhältnis zu unserem Zuhause? Welche Bedeutung haben Werte wie Familie und Heimat in der heranwachsenden Generation? An welchen Stellen werden alte Wohnvorstellungen entsorgt? Wofür machen sie Platz? Und was sagen Wohntrends eigentlich über den Zustand der Welt aus? Braucht sie nicht an sich ein wenig mehr identitätsstiftende Verbundenheit und ein neues Gespür für den Ort?  „The very concept of home is undergoing a transformation“ lautet demnach auch das Fazit der globalen ethnografischen IKEA-Studie zur Zukunft des Wohnens. „Small-and-shared-living“, generationsübergreifendes Wohnen, eine schwindende emotionale Verbundenheit zum eigenen Zuhause – die vielschichtigen Ergebnisse der Studie geben Hinweise für neue Konzepte in Architektur und Design, aber auch für Services im öffentlichen Raum, die immer öfter ein Gefühl von „eigenem Zuhause“ anbieten.  

#4 Schönheit als menschliche Transformationsstrategie

Schön ist, was gut macht.

Besitzen die Menschen einen „eingebauten Sinn für Schönheit“, wie der italienische Psychotherapeut Piero Ferruci in seinem Buch „Beauty and the Soul“ überzeugt ist?

Kann Schönheit die Transformations-strategie sein, die unser Befinden und unser Sozialverhalten verändert? Lässt sich ästhetische Intelligenz in einer Gesellschaft erlernen und ist das vielleicht ein Faktor, warum die skandinavischen Staaten mit ihrer „demokratischen Designphilosophie“ immer zu den glücklichsten Nationen der Welt gehören? Wem gefällt was, warum und unter welchen Umständen? Das sind die Fragen, die im „Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik“ untersucht werden. Neurowissenschaftler konnten bereits den „Beauty Spot“ im Gehirn identifizieren. Ästhetik scheint eine der wichtigsten „Human Strategies“ zu sein, um gesellschaftlichen Wandel zu treiben, behaupten auch Stefan Sagmeister und Jessica Walsh in ihrem Buch und der dazugehörenden Ausstellung: Beauty. Schönheit ist verhaltensleitend und ansteckend, denn Menschen verhalten sich in einer schönen Umgebung besser. So bekommt Ästhetik eine ethische Komponente, die kulturelle Transformationen sinnlich und emotional führt.  

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Autor Stefan Baumann

Autor: Stefan Baumann

Konsumpsychologe Stefan Baumann entwickelt Markenvisionen, Transformations- und Innovationskonzepte auf Basis von Insights über Konsumkultur im Wandel. Besonders gerne berät er inhabergeführte Unternehmen, die über eine Erneuerungsstrategie wieder mehr Relevanz in einem veränderten Marktkontext gewinnen wollen.