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Strategien für eine Post-Corona-Welt

Die Krise als Möglichkeit der kulturellen Transformation

Covid-19 verändert das Leben auf der ganzen Welt. Wenn dieser Krisenmoment vorbei ist, gibt es keinen Weg zurück zur Normalität. Nach der Covid-Krise werden wir in eine post-covid Welt eintreten, die von neuen Überzeugungen, Werten und Verhaltensweisen geprägt sein wird. Trotz der Dringlichkeit mit der die aktuelle Situation alles andere überwältigt, bietet sich gerade jetzt die Chance, die damit einhergehenden langfristigen kulturellen Veränderungen für eine (Neu-)Ausrichtung der Marke zu nutzen. Unternehmen, die genau beobachten, wie sich die (Konsum-)Kultur verändert, werden nicht nur die Krise überstehen, sondern auch widerstandsfähiger aus ihr heraus gehen.

Wir bei STURM und DRANG haben auf der Grundlage unserer kulturellen Konsum-Studien einen Leitfaden erstellt, wie sich Marken in den drei Phasen der Krise auf die Bedürfnisse ihrer Gemeinschaft anpassen können: vom ersten Schock über die Bewältigung der Krise bis hin zu einer neuen Zeit.

#1 Wenn die Krise zum ersten Mal zuschlägt:
Konzentrieren Sie sich auf die Grundlagen

Während einer Krise werden zu erst die "wesentliche" Grundbedürfnisse nach Nahrung, Gesundheit, Wasser, Sicherheit, Obdach zu Prioritäten. In diesem Zusammenhang sind Organisationen und Marken, die sich um diese Bedürfnisse kümmern, wie z.B. Gesundheitsdienstleister, Supermärkte und Apotheken, natürlich im Vorteil und stehen unter hohem Druck, ihre Lieferungen ohne Ausfall fortzusetzen. Aber auch andere Branchen haben Möglichkeiten ihren Teil beizutragen – unsere Verhaltenstipps:

Seien Sie heroisch

Wir sehen heroische Anstrengungen von Organisationen, die ihre Produktfähigkeiten in den Mittelpunkt stellen, um nützlicher zu sein: Spirituosenmarken und Parfümhäuser (wie z.B. BrewDog, Jägermeister, LVMH), die bei der Herstellung von Desinfektionsmitteln helfen. Dies ist ein echter Beitrag und ein Zeichen von Großzügigkeit und Solidarität für die Bedürfnisse derer, die im Zentrum der Krise stehen. Auch zusätzliche Angebote, wie die speziellen Öffnungszeiten nur für ältere Menschen und für Krankenhauspersonal oder kostenlose Mahlzeiten für Beschäftige in Schlüsselpositionen zählen hierzu. Im Interesse der langfristigen Fitness der Beschäftigten im Gesundheitswesen wollen wir hoffen, dass sie sich nicht zu sehr auf z.B. Krispy Kremes und KFCs verlassen. Sicherlich sind hier Lebensmittelmarken mit Referenzen in den Bereichen Gesundheit und Ernährung in einer besseren Position, um längerfristige Unterstützung zu leisten - obwohl gerade auch jetzt Freuden erlaubt sein müssen, die uns sonst vielleicht eher Gewissenbisse machen.

Seien Sie fürsorglich

Krisen sind Zeiten tiefer emotionaler Instabilität. Eine statistische Erhebung über die Emotionen in China, als Covid-19 auf dem Höhepunkt war, wies Angst, Trauer und Furcht als die vorherrschenden allgemeinen Gefühle aus. Hier können Traditionsmarken, die für besonderes Vertrauen und Ausdauer stehen, ein Gefühl des Trostes vermitteln. Insbesondere die infrastrukturellen Arbeitspferde können hier glänzen: Strom, Versicherungen, Telekommunikation und andere unsichtbare Dienstleistungen werden neu geschätzt. Aber auch Facebook hat gegenüber Instagram wieder an Bedeutung gewonnen und ein äußerst einfühlsames Video veröffentlicht, das das Gefühl der Entfremdung und emotionalen Intensität dieser Zeit zum Leben erweckt. Beruhigende Botschaften rund um Kontinuität und aufmerksamen Kundenservice gehen einen langen Weg, einen Weg, den eine neue Vodafone-Kampagne in Deutschland gewählt hat, #wekeepyougoing. Ein wertvolles Gefühl der Zusammengehörigkeit und Stärke vermitteln auch ungewöhnliche Kooperationen: einige globale Telekommunikationsunternehmen haben gemeinsam die #stayhome-Meldung auf allen Mobilbildschirmen ihrer Kunden platziert, um die öffentliche Gesundheitskampagne zu unterstützen.

Seien Sie vorsichtig

Aber denken Sie daran, behutsam vorzugehen. Eine erneute Konzentration auf die Grundlagen des menschlichen Lebens zeigt sich in einer Krise ebenso wie ein verstärkter Zynismus gegenüber der Konsumkultur. Marken in den Bereichen Luxus, Schönheit, Mode, Freizeit oder anderen "nicht-essentiellen" Kategorien sollten sich dessen bewusst sein. In Asien ist Coca-Cola dieser Stimmung zuvorgekommen: "wir werden für eine Weile nicht auf Sendung sein " war die Botschaft über sämtliche Social-Media-Kanäle und zu lesen war auch in welchen Nothilfefonds die üblichen Marketinggelder fließen würden. So kann eine angemessene Sensibilität für die Situation aussehen. Marken, die den Anschein erwecken, sie wollen von der Krise profitieren, wird es derweil weniger gut ergehen. Dies ist nicht der Zeitpunkt, den Preis für Desinfektionsmittel zu erhöhen. Ebenso sollten Sie bei jeglicher Form der lauten Kommunikation sicherstellen, dass Ihren Worten auch Taten folgen. Eine warnende Geschichte von Tesla: Versprechen Sie nicht öffentlich, kostenlose Beatmungsgeräte an US-Krankenhäuser zu liefern und liefern dann ein billiges Ersatzgerät, das nicht für den Zweck geeignet ist.

Seien Sie aufmerksam

Es lohnt sich, gründlich darüber nachzudenken, wie Ihre Marke intuitiv auf den Covid-19-Schock reagiert hat. Das Gefühl, dass unsere Welt zusammenbricht, versetzt die Menschen in einen Zustand radikaler Wachsamkeit. Wir bewegen uns von einem soliden und verlässlichen Entscheidungskontext zu einem fließenden und unvorhersehbaren Momentum, in dem alles zur Neubewertung aussteht. Menschen können ihre Meinung über eine Marke so schnell ändern, wie sie gezwungen sind, ihr Verhalten zu ändern. In diesem Sinne ist der Krisenmoment eine riesige Chance, das Markenimage zu stärken oder neu zu gestalten.

#2 Während die Krise andauert:
Seien Sie einfühlsam, großzügig und aufbauend

Die Phase in der wir uns aktuell befinden – wenn es langsam beginnt frustrierend zu werden. Auf Platz vier in der Statista-Umfrage über chinesische Emotionen während Covid kommt Ärger. Angesichts der Art dieser Krise, in der die Mehrheit der Weltbevölkerung in ihren Häusern eingesperrt ist, ist dies nicht überraschend. Menschen, die nicht selbst krank sind, sind bestenfalls gelangweilt und schlimmstenfalls von bedrohlichen finanziellen und beruflichen Sorgen geplagt: Können sie es schaffen, von zu Hause zu arbeiten? Sind ihre Arbeitsplätze sicher? Können sie die Miete bezahlen? Wie bekommen sie auf Dauer den Alltag mit den neuen Herausforderungen organisiert? Was die Menschen jetzt brauchen ist Zuspruch und Unterstützung.

Seien Sie großzügig

In dieser Zeit sollten Marken ein Bewusstsein für die Dinge zeigen, die die Menschen beunruhigen. Vielleicht können sie die dringendsten existenziellen Sorgen lindern, indem sie zum Beispiel Waren oder Edukation kostenlos oder zu ermäßigten Sätzen anbieten. Es ist auch wichtig, die umfassendere systemische Rolle innerhalb der Gesellschaft zu bedenken - so wichtig Marken für ihre Kunden auch sein mögen, sie sind umso mehr das Lebenselixier ihrer Mitarbeiter und Geschäftspartner. In diesem Sinne haben sich z.B. eine Reihe großer Technologieunternehmen wie Amazon, Apple, Google, Twitter, Facebook und Microsoft verpflichtet, weiterhin regelmäßige Stundensätze zu zahlen, auch an vorübergehend Beschäftigte und jene, die nicht von zu Hause arbeiten können wie Köche und Shuttle-Fahrer. Netflix hat freiberuflichen Kreativen, die arbeitslos geworden sind, eine Entlastung von 100 Mio. USD zugesagt. In der Zwischenzeit hat Deliveroo Hongkong seinen Partnerrestaurants während der Krise eine Ermäßigung der Provisionssätze um bis zu 20% angeboten, da es erkannt hat, dass das Geschäft mit Hauslieferungen zwar floriert, die Restaurants aber eine helfende Hand gebrauchen könnten. Und in China bot die Wanda Real Estate Group Händlern in Wuhan eine kostenlose Monatsmiete an.

Seien Sie differenziert

Da viele Existenzen auf dem Spiel stehen und viele Menschen ganz ohne Arbeit sind, steigt das Interesse an Online-Lernen, Programmierung, Coaching, Fitness etc.. Da die Angst anhält und der Lagerkoller zunimmt, dürften Angebote zur Meditation und psychischen Gesundheit sehr gefragt sein, ebenso wie Unterstützungsdienste für Familien und Paare, deren Beziehungen unter klaustrophobischen Druck geraten. Die Umstellung auf Online-Sitzungen, das kostenlose Anbieten von Software oder Monatsabonnements sind schnell zu realisieren und vielleicht können Marken für eine Differenzierung in diesen Zeiten noch ein wenig weiter gehen: Fragen Sie nicht, wie ich Leute dazu bringen kann, sich bei meinem Online-Dienst anzumelden, sondern was der wirkliche Mehrwert ist, der die Verbrauchergemeinschaft jetzt am besten unterstützen kann.

Seien Sie aufmunternd

Nachdem der erste Schock überwunden ist, gibt es auch Raum für etwas Leichtigkeit, kleinen Luxus und Humor. Menschen, die „eingesperrt“ sind, schätzen es, abgelenkt und unterhalten zu werden. So hat beispielsweise die Luxusmarke Bottega Veneta eine virtuelle Residenz mit einer Reihe von Features verschiedener Künstler ins Leben gerufen. In einer ähnlichen Art und Weise haben einige charakteristisch gewagte Kampagnen von Pornhub (#It’sOKYouCanStillTouchYourself) und Amorelie (#stayathomeandfuck) damit begonnen, dazu zu sprechen. (Übrigens hat Pornhub seine Inhalte auch in Ländern, die am schlimmsten betroffen sind wie Italien, Spanien und Frankreich, kostenlos zur Verfügung gestellt.) Für Unternehmen der Freizeit-, Gastronomie-, Veranstaltungs- oder Outdoor-Branche, die besonders hart getroffen wurden, ist dies der Moment darüber nachzudenken, wie sie den Menschen auch in Innenräumen einen Mehrwert bieten können. Wenn Kochen, Filmabende, Kunsthandwerk und Familienspiele schon vorher ein Comeback hatten, werden sie jetzt nur noch spannender. Ein tolles Beispiel ist hier das TimeOut-Magazin, das sich in "TimeIn" verwandelt, mit Tipps für Spaß im Haus. Über den reinen Indoor-Spaß hinaus werden die Menschen auch darüber nachdenken, wie sie die häusliche Umgebung aufwerten und für die Arbeit von zu Hause anpassen können. Im oberen Preissegment: Kauf von Sofas, Projektoren, Bürostühlen, Neueinrichtung von Gartenmöbeln. Für die preisbewussten Menschen werden auch Accessoires wie der fantastisch bequeme und kuschelige "Herr Cherry" geeignet sein. Es geht nichts über ein bisschen Hygge, um den Sturm zu überstehen.

#3 Wenn das Ende der Krise naht:
Seien Sie bereit für eine neue Post-Covid-19-Kultur

Die Pandemie der Spanischen Grippe 1918 führte zur Schaffung öffentlicher Gesundheitssysteme in Europa. Nach dem Ausbruch von SARS im Jahr 2002 nahm der elektronische Handel in China richtig Fahrt auf. In ähnlicher Weise wird die Welt aus Corona 2020 als ein neuer Ort hervorgehen. Wie dieser aussehen wird, können wir alle gemeinsam gestaltet, aber es zeichnen sich bereits erste starke Signale ab: In Deutschland zum Beispiel hat McDonalds Teile seines Personal für die Dauer der Krise an Aldi vermittelt. Es gibt keinen Grund, warum nach der Krise nicht mehr Unternehmen ähnliche Vereinbarungen abschließen sollten. Insbesondere weil es nicht nur die Arbeitnehmer schützen kann, sondern auch grundlegende strukturelle Veränderungen in der Funktionsweise des Arbeitsmarktes untermauern würde.

Wenn wir diese Art von Ereignissen betrachten, können wir aufkommende Verbraucherspannungsfelder in der neuen Post-Covid-19-Welt erkennen. Die zugehörigen Diskurse zu verstehen und eine eigene Haltung zu entwickeln, wird für einen Erfolg in der Post-Covid-19-Welt unerlässlich sein. Die fünf wichtigsten Spannungsfelder haben wir hier für Sie aufgeführt:

Online vs. Die reale Welt

Ausgangsbeschränkungen haben uns digital agiler gemacht. Dies wird große Auswirkungen auf die Art und Weise haben, wie wir zukünftig lernen, arbeiten und einkaufen. Hunderte von Institutionen, darunter Unternehmen und Universitäten, die Ihre Onlinepräsenzen schleifen gelassen oder eine Fernteilnahme nicht zugelassen haben, sind nun gezwungen nachzurüsten. Die radikale Umstellung hat den (digitalen) Wandel in einer nicht vorstellbaren Weise beschleunigt. Aber trotz der (hoffentlich) nachhaltigen Auswirkungen wurden wir auch zu einem sehr extremen Verhalten gezwungen.

Nach der intensiven Zeit des rein digitalen Miteinanders werden sich viele Verbraucher, Arbeitnehmer und Lernende in der Online-Umgebung wohler fühlen und die Vorteilen digitaler Angebote genau benennen können. Aber sie werden sich auch sehr bewusst sein, was sie an der "realen Welt" vermisst haben. Sie werden sich der Grenze zwischen Öffentlich und Privat, stärker bewusst sein. Die Wahrnehmung der Nähe der Körper von Fremden und Bekannten - ihre Berührung, ihr Geruch und das Gefühl, dass sie sich im Raum um uns herum bewegen, werden sich viel bedeutungsvoller anfühlen als je zuvor. Wir werden die Kontexte neu schätzen, in denen wir uns wieder bewegen können: Bars, Strände, Büros und Cafés, und die damit verbundenen Stimmungen, Geräusche und Empfindungen. Die Beschaffenheit der Stühle, das Gemurmel der Gespräche anderer Gäste, das seltsame Besteck, die Gläser die klirren. Wir werden plötzlich feststellen, dass es nicht nur darum ging, zum Ort selbst zu gehen (den Zoom sogar mit einem angepassten Hintergrund nachbilden kann oder auch BrewDog mit einer virtuellen Bar) sondern auch um den Akt des Hinkommens und die Freiheit, fließend und durcheinander von einem Kontext und einer Unterhaltung zur anderen und wieder zurück zu gleiten. Die digitale Sphäre ist so strukturiert und starr. Und sie ist so vergänglich: Ein Aufschauen vom Bildschirm und schon befinden wir uns an einem anderen Ort. Erfahrungen in der realen Welt hingegen, halten uns vollkommen im jetzigen Moment.

Wo wir bisher leicht mal "digital" als Synonym für fortschrittlicher, futuristischer und irgendwie als unilateral besser verwendet haben, ist dieser Isolationsmodus eine wichtige Erinnerung daran, dass das Online- und das reale Leben sehr unterschiedliche Arten von Werten vermitteln. Marken können jetzt viel darüber lernen, wie sich das Beste aus beiden Welten kombinieren lässt.

Gesundheit und Sicherheit vs. Ausgehen und im Moment leben

Eine Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit führt zu einer stärken Auseinandersetzung mit dem Wert einer guter Gesundheit. Das Interesse an Gesundheits- und Hygienetechnologien sowie Krankenversicherungen wird steigen und der Diskurs über den Wert von öffentlichen Gesundheitssystemen Fahrt aufnehmen. Erwarten Sie auch mehr Vorsicht in Bezug auf Reisen, Abenteuer und Sharing-Dienste, viele Menschen werden zumindest für eine Zeit sicherheitsbewusster werden. Geschäftsbudgets und Investitionen dürften vermutlich ähnlich zurückhaltend sein. Nichtsdestotrotz werden wir bei jeder zögerlichen Reaktion aber auch jemanden sehen, der in die entgegengesetzte Richtung schwingt, und es kaum erwarten kann, alles auf den großen Erholungsmoment zu setzen, sobald sich die Lage bessert. So wie es Menschen geben wird, die zurückhaltend und zögerlich aus der Abriegelung herauskommen, um sich mit Freunden zu treffen, so wird es andere geben, die in der ersten Reihe für Post-Coronapartys stehen und sich darauf freuen, ihren lange ersehnten Urlaub in die Sonne zu buchen - falls es noch Fluggesellschaften gibt, die sie dorthin bringen.

Persönliche Freiheit vs. Gruppenüberwachung

Covid-19 hat Regierungsinterventionen ausgelöst, die im Leben der meisten Menschen heute beispiellos sind und bis zum letzten Monat fast unvorstellbar waren. Die Regierungen renationalisieren private Unternehmen, verhängen Ausgangssperren, schränken die Bewegungsfreiheit ein und überwachen im Falle Chinas den Gesundheitszustand der Menschen über ihre Smartphones, indem sie unter anderem Apps einsetzen, die die Bürger warnen, wenn sich Infizierte in der Nähe aufhalten und die Menschen dazu verpflichten, ihre Temperaturen zu melden. Diese strengen staatlichen Maßnahmen scheinen sich bei der Bekämpfung des Corona-Virus als erfolgreich erwiesen zu haben, stellen jedoch enorme Eingriffe in die individuellen Freiheiten und die Privatsphäre dar. Nach Covid-19 werden einige an dieser vorübergehenden neuen Ordnung festhalten wollen. Aus Furcht vor einem Wiederaufleben des Virus werden sie den Schutz, den eine genaue Überwachung bietet, begrüßen und großes Vertrauen in große Institutionen setzen. Große Konzerne werden mit finanzieller Stabilität und Arbeitsplatzsicherheit in Verbindung gebracht werden. Aber wir werden auch einen heftigen Diskurs dagegen erleben. Aus Angst vor einer Orwellschen Dystopie und vor Faschismus werden Andersdenkende an mehr persönliche Wahlmöglichkeiten und Rechte auf Privatsphäre pochen. Sie werden argumentieren, dass jeder Einzelne mehr Verantwortung für seine Gesundheit und deren Auswirkungen auf andere übernehmen und darauf vertrauen sollte, dass er durch Wahl statt durch Zwang kooperiert. Sie werden große Unternehmen genau studieren und nach Umgehungsmöglichkeiten suchen, lokale Unternehmen und dezentralisierte, verschlüsselte Informationsstrukturen wie Blockchain fördern. Erwarten Sie einen Aufschwung von Untergrundbewegungen, Verschwörungstheorien aber auch Mikro-Organisationen und eine Entwicklung hin zu kooperativeren Geschäftsmodellen in lokalem Besitz.

Eigenständigkeit vs. Solidarität

Wenn Covid-19 uns eines gelehrt hat, dann, dass von anderen Menschen eine potenzielle Ansteckungsgefahr ausgeht, dass abgeriegelte Großstädte nur so groß sind wie die eigene Wohnung, und dass es keinen Spaß macht, für sein Toilettenpapier in sieben Supermärkten suchen zu müssen. Nach Covid-19 werden die Menschen Schritte unternehmen, um eigenständiger zu sein. Wir werden sehen, dass die Menschen das Verhalten, das sie während der Krise an den Tag gelegt haben (in Deutschland "hamstern") beibehalten und eine vorbereitende Mentalität annehmen. Das Interesse an ländlichem, netzfreiem Wohnen, Hauswirtschaft und autarker Lebensweise wird noch stärker zunehmen. Die Unternehmen werden Just-in-time-Lieferkettenmodelle überdenken und möglicherweise mehr lokale Beschaffungs- und Produktionsstrukturen einführen. Dies könnte ausdrücklich von den Regierungen gefordert werden, wie wir derzeit in dem Angebot von Angela Merkel an Deutschland sehen, mehr eigene medizinische Geräte, einschließlich Gesichtsmasken, zu produzieren. In der Tat werden vermutlich viele Länder auf politischer Ebene dafür kämpfen, die Grenzen geschlossen zu halten und in nationalistischen Diskursen anderen Nationen die Schuld für ihre Übel zuzuschieben - was wir bereits in Bieterkriegen um Maskenlieferungen beobachten konnten.

Auf der anderen Seite haben Bewegungseinschränkungen viele Nachbarschaftsgemeinschaften zusammengebracht, und es geht nichts über eine globale Pandemie, um die gemeinsame Notlage der Menschheit hervorzuheben. Schwierig ist, wenn einige weniger gut gegen sie gewappnet sind als andere und gerade jetzt brauchen Schwächere unsere Unterstützung: Der UN-Generalsekretär rief kürzlich zu einem globalen Waffenstillstand auf und es gibt immer mehr Vorschläge für eine international koordinierte Reaktion zur Bekämpfung des Virus, die sich in der Debatte um die europäischen Corona-Anleihen und in der 2,5 Billionen US-Dollar schweren Konjunkturstrategie der UNO für Entwicklungsländer niederschlagen. Nach Covid-19 erwarten wir mehr Forderungen nach internationaler Kooperation und Zusammenarbeit beim Krankheitsmanagement, der Klimakrise und der wirtschaftlichen Erholung in allen Bereichen. Wir erwarten auch mehr Aufmerksamkeit für das Konzept des Sozialstaats und das Gefälle zwischen Arm und Reich - sowohl zwischen als auch innerhalb von Nationen. Gerade Wohnverhältnisse haben einen großen Einfluss darauf, wie realistisch die soziale Distanzierung waren, siehe am Beispiel Indien, aber auch wohlhabenden Nationen, in denen die Fälle von häuslicher Gewalt zunehmen. Angesichts mangelnder Unterstützung werden sich einige Gemeinschaften mobilisieren, um sich dort umeinander zu kümmern, wo ihre Regierungen versagt haben - ein widersinniges Beispiel, das jetzt in den Favelas von Rio ausgerechnet Drogenbanden begonnen haben, eine Corona-Sperre durchzusetzen, nachdem ihr Präsident sich geweigert hatte, dies zu tun. Es wird ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung öffentlicher Dienstleistungen, ein wiederbelebtes Gespräch über den Wohlfahrtsstaat und ein universelles Grundeinkommen geben. Die Debatte wird durch einen Vergleich der wirtschaftlichen und sozialen Ergebnisse in Ländern wie den USA (wo bereits über 10 Millionen Menschen Arbeitslosenunterstützung beantragt haben) schärfer fokussiert werden, im Gegensatz zu einer Strategie nach europäischem Vorbild, wo durch die Einführung staatlicher Subventionen für Unternehmen und Formen der Kurzarbeit Kündigungen bisher vermieden wurden.

Menschlichkeit vs. Natur

Bill Gates sagte es bereits in seinem TED-Vortrag 2015: Wenn es im 20. Jahrhundert um die Furcht vor dem Krieg ging, wird im 21. Jahrhundert die Pandemie unser größter Feind sein. Wir werden aus dieser Periode neu sensibilisiert für die unsichtbaren Bedrohungen durch Natur hervorgehen und in der Lage sein, die Innereien der Menschheit weit grausamer zu zerfleischen, als es je ein Tiger getan hat. Aber wir werden auch mit saubererer Luft in unseren Städten, einem positiven Einfluss auf den Klimawandel und einem greifbaren Beweis dafür, dass dies durch eine Verlangsamung der menschlichen Aktivitäten erreicht werden kann, aus dieser Zeit hervorgehen. Nach Covid-19 wird es diejenigen geben, die die Menschlichkeit an die erste Stelle setzen wollen und zugunsten von Maßnahmen, die die Menschen vor Infektionen schützen (wie z.B. Einwegplastik), die Vorteile für die Umwelt gerne wieder zunichte machen. Andere werden sagen, das sei eine fehlerhafte Logik. Sie werden argumentieren, dass Krankheiten wie Covid-19 gerade durch die Missachtung der Natur durch den Menschen entstehen können - wie industrielle Landwirtschaft, globale Produktion und illegaler Wildtierhandel. Darüber hinaus sind die Klimakrise und Corona ein Spiegelbild des jeweils anderen: Präventivmaßnahmen können erwiesenermaßen Leben retten, aber Untätigkeit wird uns unerbittlich schneller die exponentielle Kurve hinaufschleudern, als man "rettet die grüne Lunge des Planeten" sagen kann. Die Folgen der Klimakurve werden für die Menschheit weitaus größer sein als der Schaden, den Corona angerichtet hat. Was wir brauchen, um die Menschheit vor der nächsten Krise zu schützen, ist ein Ende des Krieges gegen die Natur! Wir müssen sie besser kennen und pflegen lernen.

STURM und DRANG-Perspektive

Bei STURM und DRANG sind wir überzeugt, dass Unternehmen, Marken und Menschen die Möglichkeit und die Verantwortung haben, eine wünschenswerte Zukunft zu gestalten. Die Post-Covid-19-Welt wird von neuen kooperativen Denk- und Handlungsweisen bestimmt werden, die nicht nur Antworten auf die Klimakrise findet sondern unser heutiges (Wirtschafts-)System ganz neu ausrichtet.

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Autorin: Xenia Elsaesser

Xenia Elsaesser ist Geistes- und Sprachwissenschaftlerin und arbeitet mit Leidenschaft an kontextuellen Lösungen. Sie leitet Markeninnovation, -positionierung und -kommunikation und wendet dabei ihr Verständnis von semiotischen Codes, kulturellen Erzählungen und Anthropologie an. Sie ist zutiefst multikulturell und arbeitet international mit Konsumenten und Marken.

Bildreferenzen

Bild 1: "Don't panic", https://unsplash.com/photos/egqR_zUd4NI

Bild 2: "Double exposure of global Coronavirus COVID-19 cases", https://unsplash.com/photos/gkpszAElZf8

Bild 3: "Brewgel: Punk sanitiser", https://www.retaildetail.eu/en/news/cosmetics/corona-economy-action-hand-gel-dior-filliers-and-brewdog

Bild 4: "Stay calm, stay safe, we love you", https://unsplash.com/photos/4VKkk1Qe-rc

Bild 5: "Coca Cola: We'll be off air for a while", https://news.mb.com.ph/2020/03/21/coca-cola-philippines-re-channels-p150-m-ad-budget-to-covid-19-relief-efforts/

Bild 6: "Stay at home", https://unsplash.com/photos/P_2za841j_w

Bild 7: "Home Office", https://www.rbb24.de/wirtschaft/thema/2020/coronavirus/beitraege/home-office-arbeitnehmer-laptop-zuhause-.html

Bild 8: "Laptop", https://unsplash.com/photos/qnWPjzewewA

Bild 9: "PornHub: It's ok, you can touch yourself", https://www.reddit.com/r/AdPorn/comments/fjuynh/pornhub_its_ok_to_touch_yourself_1697x2400/

Bild 10: "Festival Girl", http://pickymagazine.de/tag/sea-you-festival/

Bild 11: "Backstreet Boys", https://www.today.com/popculture/backstreet-boys-reunite-perform-i-want-it-way-5-different-t177072

Bild 12: "Woman with mask and balloon", https://unsplash.com/photos/eOmWOSclN8E

Bild 13: "Covid-19 Monitoring",

https://www.welt.de/wirtschaft/article206939411/Coronavirus-Diese-App-soll-jetzt-das-Virus-killen.html

Bild 14: "Prepper-Family",

https://www.businessinsider.com/doomsday-prepper-supply-companies-trump-election-2017-2?r=DE&IR=T

Bild 15: "Climate Change", https://www.instagram.com/p/B-aVW_GH29v/