Der Multipotentialite ist da!

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Der Multipotentialite ist da! Und da! Und da!

Es ist noch gar nicht lange her, da sollte jeder eine (englisch ausgesprochene) „passion“ haben – ein persönliches Interessengebiet, dem sein Leben widmen musste, wer glücklich und vor allem erfolgreich werden wollte. Seine passion suchte man sich weniger aus, als dass man sie von seinem Herzen vorgeschrieben bekam. In Steve Jobs’ berühmten Worten:

[“And most important, have the courage to follow your heart and intuition.
They somehow already know what you truly want to become.”

Dein Herz wusste, was deine passion war, und vor allem wusste es, wie viele passions du hattest. Eine einzige nämlich. Ob Programmieren, Werbetexten oder Flüchtlingshilfe – es waren nie zwei Dinge gleichzeitig, oder du machtest etwas falsch. Warum unsere Herzen so einfältig beschaffen sein sollten, wurde nicht groß thematisiert. Der Vorteil war klar: Wer sein Leben einer einzigen Sache widmete, würde in dieser Sache wahrscheinlich extrem gut werden.

„Follow your passion“ – das Credo von Apple-Gründer Steve Jobs © Foto Flickr Ben Stanfield

Unter Umständen wird man aber auch extrem unglücklich. Denn längst nicht jeder, der nach dieser Maxime zu leben versuchte, fand seine eine Leidenschaft auch tatsächlich. Mancher Musiker konnte nicht vom Malen lassen und einigen Gehirnchirurgen juckte es in den Fingern, sich mal als Koch zu versuchen. Vor allem junge Menschen zögerten, überhaupt etwas zu beginnen, ohne sicher zu sein, dass sie ihre Zeit nicht an etwas verschwendeten, zu dem sie nicht bestimmt waren. Die Entscheidungs- und Bindungsängste, die so typisch für die Gen Y sein sollen, haben ihren Ursprung unter anderem in dieser Ideologie.

Auftritt Multipotentialites.

Multipotentialites sind Menschen mit mehr als nur einer passion. Sie wollen sich nicht auf ein Feld spezialisieren und werden darum auch auf keinem Feld Spezialisten werden. Sich allzu lange mit ein und demselben Thema auseinanderzusetzen, bedeutet für sie nichts als Langeweile. Stattdessen haben sie viele Interessen, springen von Projekt zu Projekt und folgen ihren Herzen auf immer neue Wege. Sie scheinen das komplette Gegenteil von Jobs’ Ideal zu sein – und sind glücklich damit.

Der Begriff des „Multipotentialites“, der in letzter Zeit in größeren Kreisen an Popularität gewinnt, wurde vor allem von Emilie Wapnick bekannt gemacht. Wapnick nennt sich selbst einen Multipotialite, betreibt eine Website zum Thema und preist die vielen Qualitäten der „Multipods“ in Büchern und Artikeln an. Einen TED-Talk gibt es von ihr natürlich auch bereits.

Multipotentialites, so erfahren wir dort, zeichnen sich durch drei Superkräfte aus:

  • Weil sie sich mit immer neuen Themen auseinandersetzen und es daher gewohnt sind, Anfänger zu sein, lernen sie schneller als andere Menschen.
  • Weil sie vielseitig bewandert sind, können sie leicht Ideen und Konzepte aus verschiedenen Gebieten miteinander vereinen, um Neues zu erschaffen.
  • Und nicht zuletzt sind sie anpassungsfähiger als ihre Mitbewerber.

Genau wie das Spezialistentum der „one passion“-Fraktion können auch diese Fähigkeiten als wichtige Job-Assets gelten, wann immer Kreativität und Flexibilität gefragt sind. In der Tat gibt es für Arbeitgeber erst einmal keinen Grund, die eine Art Mensch der anderen grundsätzlich vorzuziehen. Wie Wapnick selbst betont, entsteht die beste Arbeit, wenn Spezialisten und Multipotentialites mit vereinten Kräften agieren.

Also alles wieder im Gleichgewicht?

Bedeutet die Entdeckung der Multipotentialites damit ein Ende der Unsicherheit? Für manche sicher: Die Geschwindigkeit, mit der sich der Begriff verbreitet, kann als Hinweis dienen, wie notwendig ein Gegengewicht zum „one passion“ Trend gebraucht wird.

Gleiswechsel Bild

Für solche Menschen, die von ihrem Herzen noch nie Karrieretipps zugesteckt bekommen haben, ändert sich jedoch gar nichts. Denn zumindest in diesem Punkt bleibt Wapnick der Tradition treu: Auch Multipotentialites suchen sich ihre Leidenschaften nicht bewusst aus, sondern folgen dem Ruf ihres Herzens. So vergleicht Wapnick Ideen – in einem Blogeintrag namens „9 Ways in Which Cats Are like Multipotentialites“ – mit Eichhörnchen, denen es nachzueilen gilt, „whichever paths they lead us down.“ Und ihren TED-Talk schließt sie mit einem Mantra, dass deterministischer kaum sein könnte: „Embrace your inner wiring.“ Man soll also weiterhin der leisen Stimme des Herzens folgen, anstatt – wie es ja ebenfalls denkbar wäre – einer äußeren Notwendigkeit oder einem längerfristig angelegten Lebensplan. Wer keine Stimme hört, hat Pech.

Allerdings nicht so viel Pech, wie viele Multipotentialites auf dem Arbeitsmarkt haben werden. Denn so nützlich sie ihren Arbeitgebern auch sein könnten, so schwer macht ihnen ihr Hang zur Langeweile die Jobsuche. Wenn sie nicht das Glück haben, einen extrem vielseitigen Job zu ergattern – von denen es bekanntermaßen nicht allzu viele gibt – bleibt ihnen kaum eine andere, halbwegs befriedigende Alternative, als mehrere, „kleine“ Jobs zu jonglieren oder eben alle zwei bis drei Jahre etwas komplett Neues anzufangen.

Das ist es dann auch, was Multipotentialites von den Universalgelehrten der Renaissance unterscheidet – mit denen Wapnick sich offenbar gern verglichen wüsste. Unsere Welt lässt es kaum mehr zu, in mehr als einer Sache exzellent zu sein: Zu komplex sind die Wissenschaften geworden, zu groß die Konkurrenz auf allen Gebieten. Wer es zumindest versuchen will, der muss sich wenigstens ein paar Jahre auf ein Thema konzentrieren, bevor er weiterzieht. Darum ist es nicht (zeitgleiche) Vielseitigkeit, die den Multipotentialite auszeichnet, sondern Sprunghaftigkeit – er ist weniger ein Leonardo da Vinci als eine Abfolge mehrerer, extrem kurzlebiger Steve Jobs’.

Aber das ist ja auch nicht übel.

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Autorin: Wiebke Eberhardt

Als New Business und Marketing Strategin sind menschlichen Verbindungen und persönliche Kommunikation für sie echte Herzensangelegenheit. Sie ist verantwortlich für das Changing Culture Magazin und widmet sich mit Leidenschaft der Idee, dass das mächtige Werkzeug Marketing in Zukunft genutzt wird, um zukunftskritisches Verhalten positiv zu beeinflussen und so das Leben zu einem besseren zu verändern.

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