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Neue Formen der Intimität

Wie Gender an Fluidität gewinnen

Die Zeiten der rein privaten Intimität sind längst vorbei. Nähe und Verbundenheit miteinander werden mit dem zunehmenden Einfluss von Megatrends wie Digitalisierung, Individualisierung, Gender Shift und nicht zuletzt dem Ausbruch von Covid-19 neu definiert.

Diese radikale Veränderung aller Lebensbereiche bietet viele Chancen und stellt uns vor neue Herausforderungen: Wir stellen etablierte Strukturen in Frage, entdecken die Bedeutung emotionaler Bindungen wieder und versuchen, diese auf neue, kreative Weise zu leben – analog und digital. Natürlich gibt es Spannungs- und Konfliktpotenzial, das durch die allgemeine Verunsicherung und Angst noch verstärkt wird. Dies zeigt sich in einer Re-Traditionalisierung, wachsendem Populismus und der Forderung nach einfachen Lösungen. Aktuell zu erkennen an der UEFA Entscheidung oder der Genderdebatte, denn Cisnormativität – die Defaulteinstellung, dass alle Menschen sich mit dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht vollständig identifizieren und sich entsprechend verhalten – stellt Bilder her, die der Realität nicht gerecht werden. Gender ist kein Entweder-oder, sondern ein fluides Spektrum, wodurch wir neuen Fragen gegenüberstehen: Was macht die neue Intimität aus? Wie verändert sich das Körpergefühl und die Sehnsucht nach Nähe (durch Corona)? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, führen wir mit den Studierenden des Masters Trends & Identity eine Trendforschung mit dem Thema „New Intimacy“ durch. Durch Input und Führung von STURMundDRANG und Martina Kühne von der ZHDK entstand mittels verschiedener Trend Research Methoden eine reichhaltige und differenzierte Sammlung an Phänomenen und Artefakten zu neuen Formen der Intimität mit dem Fokus auf Gender Perspektiven.

Das Ergebnis ist die Trendmap „New Intimacity“, die die Territorien des Wandels durch Wort und Bild sichtbar macht. Wie bei einer geführten Erlebnis-Stadtführung, können wir nun die Zukunft der Intimität in allen relevanten Bereichen von Natur und Essen bis zu Wirtschaft, Unterhaltung und Technologie erleben.

Are you ready to discover new territories?

New Intimacy is body.
New Intimacy is mind.
New Intimacy is sex.
New Intimacy is identity.
New Intimacy is politics.
New Intimacy is business.
New Intimacy is consumerism.
New Intimacy is artificial.
New Intimacy is spirituality.
New Intimacy is space.

 
Bereit für einen kleinen Rundgang in „New Intimacity“? Wir nehmen Sie mit in drei Orte der Zugehörigkeit und Befreiung, Big Data und Körperpositivität:

Marketplace of identities

Es entstehen kollektive Orte der Zugehörigkeit und Befreiung, sogenannte Safe Spaces, online und offline. Die Pandemie drängte etablierte Gemeinschaften wie die Klimaaktivisten oder die feministische Bewegung aus dem öffentlichen Raum in die digitale Sphäre, was ihre Reichweite vergrößerte, gleichzeitig aber auch einen Verlust an hart erkämpfter Sichtbarkeit bedeutete. Durch ihr aktives Engagement boten die Gruppen Sicherheit, menschliche Nähe und Unterstützung auch in Zeiten der gesellschaftlichen Distanzierung. Ob Feministinnen, LGBTQIA+-Aktivisten, Klimaaktivisten, digitale Nomaden, Minimalisten, Veganer, Incels oder Sapiosexuelle – jeder findet mindestens einen Platz auf dem Marktplatz der Identitäten. Die Aufteilung in kleine Gruppen von Gleichgesinnten birgt Potenzial für gesellschaftlichen Wandel zum Besseren, aber auch viel Konfliktpotenzial. Filterblasen und Echokammern intensivieren die Interaktion innerhalb der Gruppe, verhindern aber den wichtigen gruppenübergreifenden Dialog und behindern intersektionale Ansätze.

#IdentityPolitics #SharedIntimacy #SafeSpaces #TogetherAlone #Populism #ReTraditionalization #Communities #PoliticalIntimacy #EmpowermentThroughIntimacy #UncoupledLiving #ModernCohabitation #OpenMarriage #MeToo #PolyamorIntimacy #LostIntimacy #InformationalIntimacy #SocietalSinglism #NewWorkIntimacy #LGBTQIA+

Body Valley

Im Kontext der vierten Welle des Feminismus haben wir eine Explosion der Körperpositivität und einen fortschreitenden Abbau von Stigmata und Tabus in Bezug auf körperliche Aspekte und Geschlechtsidentitäten erlebt. Dieses Bewusstsein führt uns zu einer befreiten Intimität, unkonventionell und frei von den Grenzen des Patriarchats. Ob Körper nackt, gender-fluid, neo-maskulin, BIPOC, behindert oder einfach "unkonventionell" sind – Body Positivity ermutigt den Online-Austausch von unterschiedlichen und ermächtigenden Körperbildern und setzt sich für die Sichtbarkeit von Körpern ein, die nicht in gängige Schönheitsnormen passen.

#BodyPositivity #BodyFluidity #BodyDiversity #BodyReconnection #SecretSkinship #SensorialIntimacy 

Mall of Pleasure

Unser Körper galt lange Zeit als der privateste Teil unserer Identität; ihn zu entblößen bedeutete, unsere intimsten Geheimnisse preiszugeben. Jetzt geben wir unsere Daten preis. Teile unserer Identität sind so intim, dass wir die daraus gewonnenen Erkenntnisse gar nicht erfassen können. Wir erlauben Unternehmen blind, uns besser zu kennen als wir uns selbst und tauschen den Zugang zu unseren Daten gegen ein hyper-personalisiertes Einkaufserlebnis.

#DataProstitution #SexTech #DesignedIntimacy #SexEdutainment #SubconsciousCommerce #CoachedIntimacy #CoCreation #VoyeuristicIntimacy #EducatedExpertise

Zukunft der Intimität

Gebaut auf Fundamenten wie dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis nach Vertrauen, entwickelt „New Intimacity“ sich jeden Tag weiter. Die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, wie lebenswichtig Intimität, Nähe, Vertrauen und Verbindungen für Menschen sind. Ob analog oder digital, wir finden immer kreative Wege, um uns zu verbinden: Mit Hilfe von neuen Tools und Services, gestärkt durch Tribes und Communities, unterstützt durch Marken und verbunden durch endlose Datenströme. Die Krise hat aber auch die Fragilität unserer Gesellschaft aufgezeigt. Rückfälle in alte Rollenmuster aufgrund von Mehrfachbelastungen wie Homeschooling, Home Office und Care-Arbeit kamen häufig vor. Räumliche Enge und psychische Belastungen führten zu vermehrter häuslicher Gewalt. Soziale Klassenunterschiede traten deutlich hervor. Doch genau hier zeigt sich die Stärke von „New Intimacity“: Soziale Probleme und Herausforderungen werden offen kommuniziert und diskutiert. So werden gemeinsam lebenswerte Zukünfte entwickelt und notwendige Ideen für morgen konzipiert.

 

 Die Trendkarte kann hier eingesehen werden, um die Texte lesen zu können.

Inputs: Xenia Elsaesser von STURMundDRANG und Martina Kühne

Research & Text: Jacqueline Brantschen, Matea Lukic, Grit Wolany, Christoph Bohne, Katherine Mazzei, Laura Kaufmann, Ludovica Galleani d’Agliano, Juliana Schneider

Illustration: Juliana Schneider
Typography: Ludovica Galleani d’Agliano

Leitung: Larissa Holaschke & Prof. Bitten Stetter