Youtube Redaktionskultur Beitrag

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Ich gucke mir an, wie jemand ein Video guckt – warum?

Ursprünglich aus dem Streaminguniversum von Twitch, mittlerweile als Erfolgskonzept auch auf YouTube entdeckt. In YouTube Deutschland ist ein neues Genre aufgekommen, das in beeindruckender Weise Resonanz erzeugt: das Reaktionsvideo. Dabei sind die Gründe für den Erfolg nicht selbsterklärend. Wie kann ein Video ohne technischen Aufwand und kreative Leistung täglich Millionen Jugendliche unterhalten? Das Phänomen ist besonders aus kultureller Sicht interessant - denn es hält der Gen Z einen Spiegel vors Gesicht.

Das Rezept Reaktionsvideo ist denkbar einfach: Eine Person nimmt sich eine Kamera, richtet sie auf sich. Schmeißt den Rechner an, nimmt dessen Bild auf. Schaut sich ein Video an, reagiert. Schneidet anschließend beide Teile zusammen, lädt es hoch. Das Reaktionsvideo muss nicht geplant werden, bedarf keiner kreativer Eigenleistung oder technischen Fähigkeiten im Plot und Schnitt. Trotzdem werden die Videos millionenfach geklickt – eine Goldgrube für einige Producer.

Dass auf YouTube nicht nur Qualitätscontent zu finden ist, ist mittlerweile klar. Trotzdem erstaunt die enorme Resonanz, die diese Art von Video erzeugt. Drei Erfolgsbeispiele geben dem Trend Gesicht:

Unge

Simon Wiefels, alias Unge

Simon Wiefels, alias Unge, bzw. ungespielt, war lange Vorreiter der deutschen Gamingszene auf YouTube. Er gehört zu den ersten Deutschen überhaupt, die sich beim Computerspielen filmten und ihr „Gameplay“ im Internet publizierten – mit großem Erfolg: Sein Hauptkanal alleine hat über zwei Millionen Abonnenten – täglich werden seine Videos über eine halbe Millionen Mal geklickt.

Vom Gaming hat er sich mittlerweile komplett verabschiedet. Unge streamt täglich über YouTube. Inhalt seiner Streams ist die Reaktion auf Videos aller Art, die ihm aus seiner Community vorgeschlagen werden. Anschließend schneidet er die Highlights aus dem Stream in separate Videos und lädt sie hoch. Ein denkbar einfaches Konzept - das funktioniert. --> Beispielvideo

Justin

Fashion-YouTuber Justin

Ein weiteres, gutes Beispiel ist der Fashion-YouTuber Justin. Über die letzten Jahre hat der 22-jährige sich seine eigene sehr erfolgreiche Marke aufgebaut und produziert auf seinen Hauptkanal Videos rund um das Thema Mode. Vor einem Jahr startete er ein neues Projekt: Seinen Zweitkanal Justin Lite.

Auf diesem lädt er täglich Videos hoch, in denen er auf Videos aus dem Bereich Mode und Schmuck reagiert. Der Kanal ging schnell durch die Decke. Mittlerweile knapp 300.000 Menschen folgen der Seite, seine Videos werden durchschnittlich sogar 400.000 Mal geklickt. --> Beispielvideo

2Bough

Alex Olivieé Witthüser

Alex Olivieé Witthüser ist ein deutscher Hip-Hop- und House-Musikproduzent aus Köln, der unter dem Namen 2Bough arbeitet. Nachdem er als Produzent einige Erfolge hatte, konzentrierte er sich auf seine Social-Media-Präsenz. Hier ist er mittlerweile als Streamer und Betreiber von zwei YouTube-Kanälen mit insgesamt über einer Millionen Abonnenten der relevanteste Creator aus dem Bereich Musik in Deutschland. In seinen Videos reagiert er auf die neuesten Hip-Hop-Tracks. --> Beispielvideo

 

Lehren aus dem Erfolg der Reaktionsvideos

Das Konzept Reaktionsvideo wirkt auf den ersten Blick recht primitiv. Doch wer genauer hinschaut, kann den Reiz erkennen und lernt auch die Gen Z besser kennen.

#1 Moralisch-fachlicher Anker

Logisch – in einem Reaktionsvideo wird reagiert - meist auf ein weiteres Video. Auf den Inhalt dieses Videos geht der Reagierende ein. Jede seiner Gesten, jedes Stirnrunzeln, jedes seiner Worte ist eine Form bewusster oder unbewusster Meinungsäußerung. Der Creator ordnet den Inhalt des Videos ein – ob er das will oder nicht. Der enorme Erfolg des Reaktionsvideos kann deshalb auch als Sehnsucht der jungen Generation nach klaren Positionierungen und Meinungen von vertrauensvollen Personen gedeutet werden. Natürlich birgt dies die Gefahr der Beeinflussung: Dass insbesondere junges Publikum unkritisch Meinungen kopiert, ist eine Herausforderung wie bei vielen anderen Formaten auch.

#2 Mehrdimensionales Videoerlebnis

Neben dem Reaktionsvideo wirkt das „klassische Video“ überholt. Durch die Reaktion wird das ursprünglich simple Video plötzlich mehrdimensional, da Inhalt auf verschiedenen Ebenen abgespielt wird. Neben dem Originalvideo kann der Zuschauer auch noch die Reaktion beobachten. Für den Zuschauer gilt: Mehr Reize gleichzeitig, höhere Komplexität und ein dadurch gesteigertes Interesse.

#3 Geborgenheit im familiären Umfeld

Viele wahrscheinlich unbewusst eingesetzte Mittel der Producer sorgen für einen starken Community-Zusammenhalt. Die kontinuierlichen – oft täglichen – Uploads, die Direktheit des Videos, in der ungefiltert reagiert und – in Streams – interagiert wird und auch Insider, Community-Bezeichnungen und Ähnliches, schaffen schnell Vertrauen zu dem Producer. Eine Art virtueller großer Bruder, mit dem man Videos in Gesellschaft gucken kann.

Die nächste Generation

Jemanden beim Videoschauen zusehen – ein typisches Beispiel für ein leicht verächtliches „Die Jugend von heute“ aus älteren Generationen. Und doch klicken Millionen Jugendliche diese Videos. Damit ist das Reaktionsvideo ein Ort, an dem der Generationenwandel so deutlich wird wie sonst kaum. Ein kulturelles Bild, das auf eine Entschlüsselung wartet.

Die Beobachtungen aus dem neuen Genre passen gut zu dem Bild, das im Allgemeinen von der Gen Z gezeichnet wird. Eine Generation, die sich in einer immer komplexeren Welt gerne einen moralischen Anker sucht. Eine Generation, für die klassische Medien zu langweilig sind, und ihren Durst an Information und Unterhaltung in immer komplexeren Videoformen stillt. Eine Generation, die Geborgenheit bedarf. Eine Generation, die die Hälfte ihres Lebens im digitalen Raum verbringt.  

Autor: Jonas-Mika Senghaas

Autor: Jonas-Mika Senghaas

Jonas-Mika Senghaas hat seine Schule vor einigen Monaten mit dem Abitur abgeschlossen und strebt nun eine Karriere beim FC St. Pauli an, wo er momentan in der U19 kickt. Bei STURMundDRANG unterstützt er das Autorenteam des „Changing Culture Magazines“. In seiner Reihe „Aus der Gen Z“ bezieht er stellvertretend zu Themen Stellung, die seine Generation betreffen und beschäftigen.