Der Möglichkeitssinn
...und warum er in Krisenzeiten unverzichtbar ist.
Wir leben in einer paradoxen Zeit: Noch nie war die Zukunft so wichtig – und noch nie wurde so wenig über sie gesprochen. Statt Zukunftsbilder zu entwerfen, verwalten wir die Dauerkrise der Gegenwart. Klima, Krieg, Inflation, Polarisierung, KI-Schock: Alles ist Jetzt. Alles ist Alarm.
Der Kulturtheoretiker nennt diesen Zustand Presentism: eine Gesellschaft, die im permanenten Präsens gefangen ist. Die Zukunft erscheint entweder als Bedrohung oder als abstrakte Leerstelle – aber kaum noch als gestaltbarer Möglichkeitsraum.
Und genau hier beginnt das Problem für Führung, Marken und Organisationen:
Wenn wir Zukunft nicht mehr denken können, können wir auch keine Orientierung mehr geben. Dann wird Kommunikation zur Reaktion, Innovation zur Anpassung – und Nachhaltigkeit zur Erschöpfung.
Kontinuität als Risiko
Ausgerechnet Kontinuität, ein bislang von uns Deutschen sehr geliebter Zustand, ist zum größten Risiko unserer Wirtschaft geworden. Führungskräfte aus unterschiedlichsten Unternehmen bestätigen in Interviews unsere Vermutung: Sie nennen Vorstellungsvermögen als eine der zentralen Führungsaufgaben.
Eine echte Herausforderung – denn vorne ist heute dort, wo sich noch niemand auskennt.
In einer volatilen Gesellschaft braucht Führung daher etwas, das man Future Literacy nennt: eine Lesefähigkeit für Zukunft. Dabei bedeutet Future Literacy nicht, die Zukunft vorherzusagen. Es bedeutet, Ungewissheit als Denkraum zu nutzen – und aus Möglichkeiten Richtung zu gewinnen.
Die Crux: Visionen sind erlaubt, aber nicht erwünscht
Überall werden die „richtigen“, zukunftsfähigen Entscheidungen von Politik und Unternehmenslenkern eingefordert. Doch verschiedene Zukunftsszenarien zu entwerfen, scheint oft schon verdächtig. Dann greift die berühmte Helmut-Schmidt-Logik: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Dabei sind Zukünfte keine Fantasien, sondern Möglichkeitsräume, die zum „Anprobieren“ einladen. Sie wollen gedanklich bewandert werden, bevor sie Realität werden.
Der Autor Robert Musil hat diese Fähigkeit, „Anderes zu denken“, in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften den Möglichkeitssinn genannt – als Gegenpol zum Wirklichkeitssinn.
Lange war in deutschen Führungsetagen vor allem dieser Wirklichkeitssinn karriereentscheidend: Faktenverständnis, Realismus, Sachlichkeit. Doch heute reicht das nicht mehr.
Heute gilt es, den Möglichkeitssinn auszubilden. Das heißt: zu denken wagen, was auch sein könnte.
Dieser „What if…“-Modus erlaubt es, gemeinsam wünschenswerte Zukünfte zu skizzieren – und sie als Orientierung für Entscheidungen in der Gegenwart zu nutzen.
Aus der Zukunft führen statt die Vergangenheit verlängern
Einige Führungskräfte erzählten uns, sie hätten während der Pandemie geteilte Dokumente genutzt, um mögliche Zukunftsgeschichten gemeinsam fortzuschreiben. So führten sie ihre Teams „aus der Zukunft“ – statt einfach die Vergangenheit zu verlängern. Denn: What brought us here won’t get us there. Gerade in komplexen Spannungen unserer Zeit braucht es Kreativität und Mut, Alternativwege gedanklich durchzuspielen.
Möglichkeitsräume als Trainingscamp
Viele Menschen – gerade Leader – fühlen sich unwohl in Möglichkeitsräumen. Sie wirken zunächst diffus, instabil, ungewohnt. Doch ohne ausgebildeten Möglichkeitssinn kommt alles am Ende ohnehin anders als gedacht. Ich bezeichne diese Räume gern als Trainingscamp für einen handlungsorientierten Umgang mit der Zukunft: Am Anfang taumelt man, verliert die Übersicht. Aber mit der Zeit bewegt man sich geschmeidiger. Und der Lohn der Mühe:
Statt bedrohliche Wirklichkeiten stumpf fortzuschreiben, können wir hoffnungsstiftende Möglichkeiten ausbuchstabieren – bis sie zur neuen Wirklichkeit werden.
Genau hier setzen wir bei STURMundDRANG an: Wir verstehen Möglichkeitsräume nicht als abstrakte Theorie, sondern als strategische Praxis. Denn Zukunft entsteht nicht nur durch anfassbare Forecasts, sondern auch durch gemeinsame Projektionen, Diskussionen und Entscheidungen über die mögliche Umsetzung.
Wie geht das konkret?
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Möglichkeitsräume für Innovation
In Innovation Camps arbeiten wir mit Zukunftsbildern und Szenarien als Treibstoff für Innovationspipelines: Teams lernen, Unsicherheit produktiv zu nutzen, neue Problemfelder zu rahmen und Lösungen zu entwickeln, die auch in kommenden Welten tragfähig sind.
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Möglichkeitsräume für Marken
In Markenworkshops rücken wir die zukünftigen Erlebnisse mit der Marke in den Mittelpunkt: aufkommende Mindsets, Sehnsüchte und kulturelle Spannungen werden zum Ausgangspunkt für Narrative, Markencodes, Erlebnisse und Positionierungen, die Orientierung geben und langfristige Relevanz aufbauen.