AUFGABE
Ganztag als Lern- und Lebensort
Ganztag ist zu einem bedeutsamen Gestaltungsraum von Schule geworden:
Kinder verbringen mehr Zeit in der Schule als je zuvor – Lernen, soziale Entwicklung, Freizeit und Förderung greifen ineinander. Damit verschieben sich Rollen, Erwartungen und Verantwortlichkeiten im System Schule.
Die zentrale Aufgabe der Hamburger Schulbehörde lautete: Wie kann Ganztag qualitativ weiterentwickelt werden – jenseits von Betreuung, hin zu einem lern-, sozial- und entwicklungsfördernden Lebensraum?
Um der Aufgabenstellung in einem solch komplexen und entscheidenden Wirkungsgefüge gerecht zu werden, liegt der zentrale Fokus des Projektes auf einem ganzheitlich, inkludierenden Interventionsansatz und weniger auf der Entwicklung von Einzelmaßnahmen.
Hierzu zählen unteranderem:
- ein gemeinsames Verständnis von Ganztag über Professionen hinweg
- die Übersetzung unterschiedlicher Perspektiven (Kinder, Schule, Pädagogik, Verwaltung)
- tragfähige Leitbilder, die Orientierung geben, ohne zu normieren
- Formate, die Entwicklung gemeinsam ermöglichen
ANSATZ
Ganzheitliche Entwicklung und kollaborativer Perspektivenwechsel
Das Projekt Ganztag widmet sich hierfür der kulturellen und organisationalen Entwicklungsfrage und weniger einer Programmoptimierung des Schulleistungsplans.
Unser qualitativer Forschungsansatz kombinierte
- Die Forschung mit Kindern und Eltern im Familiensystem
(Grundschule & weiterführende Schulen) - die Analyse von Alltagsroutinen, Erwartungen und Entwicklungsbedarfen an den Ganztag
- die Verdichtung von Erkenntnissen zu handlungsleitenden, zukunftsfähigen Leitbildern
- moderierte, ko-kreative Formate zur Übersetzung in Praxis
Folgende Prämissen bildeten die Grundlage für das gewählte Verfahren:
Die Zukunft des Lernort Schule entsteht im Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven, wobei eine nachhaltige Veränderung erst kollaborativ entstehen und wachsen kann. Kinder, als zentrale Schlüsselfiguren, liefern hierfür wichtige Impulse, wohingegen hierarchische Ansätze und top-down Intervention eher hinderlich sein können.
UMSETZUNG
Methoden
Insgesamt wurden zwei qualitative Studien, differenziert nach Entwicklungsphasen, durchgeführt, um den Ganztag möglichst realitätsnah verstehen und abbilden zu können.
Unterteilt wurden die Schüler:Innen in
- Grundschüler:innen
- Schüler:innen weiterführender Schulen
Mit diesem Untersuchungsdesign konnten altersabhängige Bedürfnisse, Erwartungen und Entwicklungslogiken sichtbar gemacht und Unterschiede im Erleben von Ganztag systematisch berücksichtigt werden.
Zentrale Leitbilder - Verschiedene Perspektiven
Aus den Studien kristallisierten sich drei zentrale Leitbilder, heraus, welche den Ganztag als Lern- und Lebensort strukturieren:
Schule als Sozialraum
Ganztag kann Zugehörigkeit, Gemeinschaft und soziale Sicherheit erfahrbar machen und so starke Grundvoraussetzungen für Lernen und Lust auf Schule schaffen.
Schule als Erfahrungsraum
Kinder und Jugendliche brauchen Räume zum Ausprobieren, Entdecken und Lernen jenseits von Unterrichtslogik. Ihre Selbstwirksamkeit zu entdecken kann vor allem im Ganztag über neue Erfahrungsräume und Aufgaben gelingen.
Schule als Talentschmiede
Ganztag eröffnet Möglichkeiten, individuelle Interessen, Stärken und Potenziale sichtbar zu machen und zu fördern. Auch über die Grenzen der Schule hinaus.
Diese Leitbilder basieren auf den Geschichten, Vorstellungen und Alltagserfahrungen der Schüler:innen – sie sind mit Beispielen und Erzählungen belegt und bewusst anschlussfähig formuliert, um von Schulen weitergedacht zu werden.
ERGEBNIS
Von Erkenntnis zu Wirkung: ko-kreativ übersetzt
Die Leitbilder und Chancenfelder blieben nicht theoretisch.
Unter der Moderation von STURM und DRANG wurden sie in Innovationswerkstätten (Hackathons) gemeinsam mit Schulen weiterentwickelt und in konkrete Maßnahmen übersetzt.
Diese Werkstätten arbeiteten multiprofessionell u. a. mit folgenden Fachkräften zusammen
- der Schulleitungen
- dem pädagogischem Ganztagspersonal
- den Lehrkräften
- sowie der Eltern- und Schülervertretungen
Ergebnisse der Werkstätten
- konkrete Entwicklungsansätze für den Ganztag (z.B. Rhythmisierung, Selbstwirksamkeit durch Verantwortungsübergabe, geregelte Freiräume durch Kollaborationen etc.)
- neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den Professionen
- gemeinsam getragene, schülerzentrierte Entscheidungen statt organisatorisch getriebene Einzelinitiativen
Innovationswerkstätte: Prototyp
Inzwischen haben rund 40 Schulen von diesen Prozessen profitiert.
Ein wesentliches Ergebnis des Projekts ist das lebendige Bild des
„Lern- und Lebensort Ganztag“, entstanden aus den Erzählungen, Vorstellungen und Wünschen der Schüler.
Es übersetzt die drei Leitbilder in eine visuelle Sprache und in schulische Szenen – und macht komplexe Inhalte für alle Beteiligten verständlich.
Das Besondere
- Das Wimmelbild wird von Schulen aktiv genutzt
- Es dient als Gesprächs-, Reflexions- und Entwicklungsinstrument
- Es ist anbaubar: Kinder können Szenen zeichnerisch ergänzen, verändern und kommentieren
So entsteht ein gemeinsamer Dialograum innerhalb der Schule. Zwischen Pädagog:innen, Schulleitung, Ganztagsteams und Schüler:innen.
Das Wimmelbild ist ein starkes Dialogtool in Schulen, vor allem weil wünschenswerte Zukünfte sich oft schwer in Worte fassen lassen.
Wirkung auf Systemebene
Das Projekt hat gezeigt wie qualitative Erkenntnisse systematisch in Maßnahmen übersetzt, wie die Beteiligung verschiedener Parteien professionalisiert und strukturiert und wie der Ganztag als gemeinsamer Entwicklungsraum verstanden werden kann.
Damit wird der Ganztag so nicht nur organisiert, sondern gemeinsam gestaltet.
Kerninsights
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Ganztag braucht Leitbilder, keine Blaupausen
Orientierung entsteht durch geteilte Zukunftsbilder, nicht durch Standardlösungen.
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Ko-Kreation verändert Verhalten
Gemeinsame Entwicklung schafft Ownership – und damit nachhaltige Umsetzung.
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Kinder liefern Impulse, Systeme tragen Verantwortung
Zukunftsfähige Schule entsteht im Zusammenspiel aller Akteure.
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Werkzeuge verankern Dialog im Alltag
Die Innovationswerkstatt oder Artefakte wie das Wimmelbild schaffen neue Rituale und Denkräume. Sie machen Entwicklung möglich, sichtbar und anschlussfähig.