#MINDSET2030

Karolina Braun
Marketing Strategin & Designerin
11.02.2022 | Lesezeit: 6 Minuten

CHANGING CULTURES MAGAZIN > MINDSET2030 > arts | BUSINESS | science: Ein Ding der Möglichkeit

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5 Fragen an Annika Heinrichs von Ein Ding der Möglichkeit über co-kreatives Gestalten, nachhaltiges Wirtschaften und gemeinschaftliches Wohnen auf dem Land.

Ein Ding der Möglichkeit entwickelt als Genossenschaft im Wendland einen Ort für innovative Wohn- und Arbeitsformen und verbindet dabei privates Wohnen, Gästehaus, Seminarbetrieb, sowie Kultur- und Bildungsangebote mit einem Kreativ- und Innovationslabor. Das Lab dient als interdisziplinären Inkubator und inspirierende Lernumgebung. Ein Ding der Möglichkeit möchte urbane Innovationskraft und Natur zusammenbringen und dadurch neuen Entwicklungsraum vor Ort schaffen. So kann getestet werden, wie nachhaltig sich das Leben und Arbeiten auf dem Land gestalten lässt und gesammelte Erfahrungen weitergegeben werden.

 

Annika ist Mitgründerin der Genossenschaft Ein Ding der Möglichkeit und Bewohnerin des Zukunftsortes in Salderatzen.

Sie ist seit 2020 im Vorstand und verantwortet in ihrer Rolle die Finanzen und das strategische Management. Annika ist außerdem studierte BWLerin und arbeitet als Innovationsstrategin, Researcherin und Business Designerin. Neben der Vorstandstätigkeit kümmert sich Annika um den Aufbau und die Weiterentwicklung des Labs und ist Zukunftsorts-Expertin im Netzwerk Zukunftsorte.

STURMundDRANG: Du bist Teil des Projektes „Ein Ding der Möglichkeit“. Wer seid ihr und was ist eure Mission?

Annika: Wir sind derzeit 8 Erwachsene und 5 Kinder, die im Januar 2021 aus Berlin und Hamburg hier ins Wendland gezogen sind. Unser Gründungsteam verbindet langjährige Freundschaften und besteht aus sechs Menschen mit einem sehr unterschiedlichen Skillset. Beruflich haben wir jahrelange Erfahrungen in der Kreativbranche, im Kultursektor, in der digitalen Transformationsberatung und im Möbelbau gesammelt und verstehen uns selbst als cross-funktionales Team. Wir haben zeitgleich unabhängig voneinander gespürt, dass wir so wie bisher nicht weiter machen wollen. Ich habe mir beispielsweise in meinem Arbeitskontext mehr Sinnhaftigkeit, Nachhaltigkeit und Freiheit in Gestaltung und Strukturen gewünscht. Zudem hatte ich häufig das Gefühl, dass mein professionelles Ich eine Rolle eingenommen hat, die zu meinen persönlichen Werten nicht mehr wirklich passte. Das hat zu Blockaden meines kreativen Potentials und Verlust meiner Arbeitszufriedenheit geführt.

Wir haben dann gemeinsam angefangen über Gestaltungsalternativen einer möglichen Zukunft zu philosophieren und Nägel mit Köpfen gemacht. Im Februar 2020 haben wir die Genossenschaft Ein Ding der Möglichkeit mit dem Ziel gegründet, einen Ort zu erschaffen an dem innovative Wohn- und Arbeitsformen entstehen und getestet werden. Dabei wollen wir richtungsweisend in umweltpositiven Projektumsetzungen und nachhaltigen Lebenskonzepten sein und Impulse für eine zukunftsweisende Regional-entwicklung und einen möglichen gesellschaftlichen Wandel geben.

 

Unsere gemeinsame Mission:

Wir bauen einen Prototyp von der Welt, in der wir leben wollen.

 

 

SuD: Wie verbindet ihr Co-working, Co-creation und Co-living bzw. worin seht ihr das größte Potential, das ihr mit „Ein Ding der Möglichkeit“ anbietet? Mit welcher Sehnsucht kommen die Menschen zu euch?

Annika: Die aktuellen Herausforderungen verändern unsere Art zu arbeiten, zu konsumieren, zu reisen und zu wohnen. Es braucht neue Arten des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit, neue attraktive Arbeitsplätze für kreative Köpfe und flexible, innovative Lösungen für Unternehmen und Organisationen. Ein Ding der Möglichkeit sieht sich als Impulsgeber:in und Experimentierfeld in diesem Wandel. Co-living, Co-working und Co-creation bedeutet bei uns die Verbindung aus privatem Wohnen, Gästehaus, Workshops und Retreats, Kunst- und Kulturangeboten sowie unserem Kreativ- und InnovationsLab. Das Lab ist in meiner Vorstellung das pulsierende Herz des Ortes. Es ist interdisziplinärer Inkubator und Kreativspielplatz. Hier sollen zukünftig auf 700m² innovative Ideen für eine nachhaltige Zukunft entstehen. Es ist außerdem Schnittstelle zwischen Kreativwirtschaft und Wissenschaft. Gemeinsam mit dem Regionalentwicklungsprojekt Elbe Valley und der Leuphana Universität entwickeln wir gerade einen co-kreativen Forschungsansatz: das Reallabor Co-living.

Neben unser eigenständigen Projektarbeit steht das Lab auch Universitäten, Firmen, Start-ups und Einzelpersonen offen. Ich denke dieses Spannungsfeld zwischen urbaner Innovationskraft, der Natur als Entwicklungsraum und co-kreativen Entstehungsprozessen ermöglicht eine ganz besondere und individuelle Potentialentfaltung.

Und das führt auch zu der Antwort mit welcher Sehnsucht Menschen zu uns kommen. Ich nenne sie die Sehnsucht nach der unperfekten Lebendigkeit. Hierbei geht es im Kern um drei Sehnsüchte: die Sehnsucht nach Wir-Gefühl und die Verbindung zu anderen Menschen und der Natur, die Sehnsucht nach gemeinsamen Gestalten ohne Perfektionismus sowie um die Sehnsucht nach Freiheit und neuen Ufern.

SuD: Was waren die größten Hürden auf eurem bisherigen Weg?

Annika: Ich denke, jede Projektphase hält ihre speziellen Hürden bereit. Aus meiner Sicht war es bisher besonders tricky überhaupt die Finanzierung auf- und sicherzustellen. Wir haben exakt zum ersten Lockdown im März 2020 nach Finanzpartnern gesucht. Da ein Teil unseres Geschäftsmodells von Umsätzen aus dem Hotelgewerbe abhängig ist, haben sich viele Banken nicht weiter mit unserem Projekt beschäftigt. Besonders schwer war es staatliche Förderbanken zu erreichen, da sie mit Corona-Hilfen beschäftigt waren. Zusätzlich war es für viele Privatbanken ein Problem, dass wir eine Genossenschaft sind. Zum einen da alle Genossenschaftsmitglieder gleich stimmberechtigt sind, und zum anderen weil wir in unserem Zweck definiert haben, dass die Gewinnerzielung der wirtschaftlichen und sozialen Förderung der Mitglieder dient.

Heute, 1,5 Jahre später, haben wir ganz andere Themen, die ich eher als Herausforderungen bezeichnen würde. Die beziehen sich auf den laufenden und zu entwickelnden Geschäftsbetrieb und das Leben in einer Hofgemeinschaft. Leben und wirtschaften können bei uns nicht separat betrachtet werden. Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen und Anspuchshaltungen im privaten und im professionellen Kontext. Zusätzlich sind es viele von uns nicht gewohnt Entscheidungen in einer Gruppe zu treffen, sondern beruflich top-down und privat für sich selbst. Hier braucht es sinnvolle Tools, Supervision und von allen die Bereitschaft nach Reflexion, Kompromissen und Veränderung des Status Quo.

 

SuD: Welche Zukunftsprognose hältst du für falsch?

Annika: Ich glaube nicht mehr uneingeschränkt an die Fortschreitung der Urbanisierung. Es zeichnet sich eine neue Trendwende ab und wir befinden uns mitten im Comeback des Dorfes. Natürlich existiert in städtischen Zentren ein differenzierter Arbeitsmarkt sowie soziale und kulturelle Diversität und das werden auch in Zukunft enorme urbane Pull-Faktoren sein. Urbanität werden wir zukünftig eher als Mindset verstehen und so vom physischen Raum lösen. Das Narrativ der abgeschlagenen und aussterbenden Dörfer halte ich in diesem Kontext für veraltet. Zukunftsdörfer, Smart Country und lokale Visionäre werden zu den Change-Agents der neuen Ländlichkeit. Reale Fallbeispiele aus ganz Deutschland zeigen, wie die Kreativ- und Kulturwirtschaft auf die komplexen Bedürfnisse ländlicher Regionalentwicklung eingeht: sie entwickelt neue Arbeits- und Wohnformen, schafft Experimentierräume, verändert lokale Wertschöpfung und ermöglicht Kollaboration über gewohnte Grenzen hinaus. Hier entstehen technologische Innovationen, resiliente Gemeinschaften und qualitativ hochwertige Lebenswelten die weit über die Region hinaus wirken.

 

SuD: Wie sieht deiner Meinung nach die Arbeitswelt in 20 Jahren aus?

"Corporate Awakening wird zum Gamechanger für einen nachhaltigen Wandel der Arbeitswelt."


Annika:
Die rationale Wachstumsgesellschaft, Konkurrenzkampf und Präsenzzeiten haben zur Erhöhung des kollektiven Stresslevels und zur Überziehung des Ressourcen-Kontos unseres Planeten geführt. Die Challenge sehe ich darin, wie es Unternehmen schaffen, finanzielle Erfolgsziele mit dem Wohlergehen der Mitarbeiter und des Planeten in Einklang zu bringen. Unternehmen brauchen neue Formen der Erfolgsmessung, die nicht nur betriebswirtschaftliche Kennzahlen sondern zusätzlich Resilienz und Potentialentfaltung der Mitarbeiter:innen sowie umweltpositive Ziele integrieren.

Zeitgleich verschwimmen bei uns Menschen die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit und wir betrachten unser Leben ganzheitlicher. Als Arbeit gilt künftig die Summe aller Beschäftigungen. Das verdeutlicht die derzeitige Diskussion um beispielsweise Care Arbeit und Mindload in Bezug auf Elternschaft. Zudem hat das klassische Verständnis von Karriere ausgedient und für viele Menschen rückt die Sinnfrage in den Vordergrund. Der eigene Zweck der Arbeit ist damit eng an die Mitmenschen und den Planeten geknüpft. Der Arbeitsplatz wird durch Remote Work Modelle weiterhin ortsungebunden stattfinden. Dadurch bekommt das Zuhause eine neue Bedeutung und braucht mehr Raum.

Zusätzlich wird Reisen vermehrt in einem neuen Kontext stattfinden. Dabei verschmelzen Urlaub und Arbeiten an naturnahen Orten wie Workation-Retreats. Deep-work Phasen werden so zukünftig nicht mehr in Büros stattfinden. Das Büro wird vom täglichen Arbeitsort zu einem Touchpoint für Co-creation und Innovation, zu einem Ort an dem Wir-Gefühl gelebt wird und gemeinsam Neues entsteht. Natürlich spielt die Digitalisierung auch eine riesen Rolle in der Transformation der Arbeitswelt. Aber KI Szenarien in denen der Mensch abkömmlich ist, halte ich eher für Technologie-Terror als menschenzentrierte und sinnvolle Nutzung digitaler Technologien. Wir sind immer noch Menschen mit Sehnsüchten, Empathie, Intuition und Kreativität. Alles Eigenschaften, die Treiber für die erfolgreiche Umsetzung und Entwicklung von Innovationen sind und sehr wahrscheinlich niemals von Maschinen gelernt werden können.

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