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Eingriff in meine Privatsphäre?
Ja bitte!

Jede Sucheingabe, jede Bewegung – ja, wahrscheinlich sogar jedes Geräusch - wird in digitalen Geräten gespeichert und systematisch mit Algorithmen analysiert. Das Internet weiß, wo wir wohnen, welche Musik wir hören, welche Themen uns interessieren. In Zeiten von „Big Data“ ist die oft mit Angst verbundene Dystopie vollständiger Transparenz erstaunlich nah an der Realität. Google und Co. wissen wahrscheinlich besser als viele unserer Freunde, wer wir sind – aber ist das so schlimm?

Wie geht die Gen Z mit der Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach digitaler Personalisierung und mangelnder Privatsphäre im Netz um?

Meine digitale Akte

Starten wir mit einem Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, es gäbe eine digitale Akte. Einen Ort, an dem zentral gebündelt alle Informationen gespeichert sind, die das Internet über Sie hat. Stellen Sie sich vor, diese Akte auszudrucken. Was würden Sie sehen?

Wir können nur mutmaßen, aber die ungeheure Menge an quantitativen Daten ließe sich wahrscheinlich recht einfach verdichten und würde ein erschreckend detailreiches Bild abgeben.

Das Internet

    • weiß, wie ich heiße, wie alt ich bin und wo ich wohne,
    • kennt meinen aktuellen sowie alle vergangenen Aufenthaltsorte,
    • kann charakteristische Orte, wie den Wohnort oder Arbeitsplatz, ableiten,
    • kann mich jederzeit erreichen über Mail oder Telefon,
    • kennt meine Familie und meinen Freundeskreis,
    • weiß, welche Musik ich mag,
    • kennt meine Hobbies und Leidenschaften,
    • kennt meinen Terminkalender,
    • kennt meine Chatverläufe,
    • und vieles mehr!

Meine digitale Akte ist wohl die größte Sammlung an Informationen über mich, die es überhaupt gibt. Und sie wächst jeden Tag - durch mich. Sobald ich das Internet öffne, fließen die Daten. Jeder Klick im digitalen Raum speist meine persönliche Datenbank.

Die Währung des Digitalmarktes: Daten

Wer profitiert? Die Presse macht vor allem die Digitalkonzerne zum Sündenbock. Sie griffen immer mehr Daten ab und verdienten sich durch zielgruppenangepasste Werbung reich. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Guckt man sich den Daten-, Dienstleistungs- und Geldkreislauf im Netz an, ergibt sich eine Triade aus Akteuren, von denen – man staunt - alle profitieren:

 

#1 Für den Nutzer gilt: Er kann das Internet kostenlos nutzen, willigt dabei aber unterschwellig ein, dass die Dienste von ihm persönliche Daten sammeln.

#2 Diese nutzen die Konzerne, um personalisiert Werbung schalten zu können, für die Werbende viel Geld bezahlen. Je detaillierter das Nutzerprofil ist, desto passgenauer die Werbung und desto höher der Preis für Werbende. An dieser Stelle wird aus Daten Umsatz generiert.

#3 Auch die Werbenden profitieren: Die zielgerichtete Werbung erhöht die Chance auf einen Werbeerfolg. Ein User springt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf die Werbung an, sodass mit weniger Geldeinsatz mehr Resonanz im Markt erzeugt werden.

Reagiert ein Nutzer auf eine Werbung, bedeutet das eine wichtige Information im Nutzerprofil.

Hier schließt sich der Kreislauf, in dessen Epizentrum die neue Währung des Digitalmarkts steht: Daten. In diesem einfachen Kreislauf ist das ungefährlich und bietet für alle Beteiligten einen Mehrwert. Doch das Modell birgt Gefahren.

Das Internet als rechtsfreier Raum – ein systemisches Problem

Keiner kann garantieren, dass die Daten nicht an Dritte gelangen.

Skandale wie die Wahlmanipulation der Präsidentschaftswahl 2016 in den USA durch das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica zeigen: Die Gefahr des Datenmissbrauchs ist allgegenwärtig und die beteiligten Akteure sind juristisch nur schwer greifbar.

Der Cambridge Analytica-Vorfall machte Datenkapitalismus das erste Mal öffentlich sichtbar und löste eine gesellschaftliche Debatte aus. Bei dieser blieb es allerdings auch. Reale Änderungen, zum Beispiel in Form stärkerer Regulierung der Datensammlung durch die Plattformen, blieben aus.

Das Totschlagargument „Dann nutzt unsere Dienste halt nicht.“ konnte schwer entkräftet werden. So wurde zwar das allgemeine Bewusstsein mangelnder Privatsphäre im digitalen Raum geschärft, nicht aber die Gefahr des Datenmissbrauchs verringert.

Damit muss die Lösung des Datenmissbrauchsproblems systemisch sein. Wie das Machtmonopol der Internetgiganten limitiert werden kann, ist eine politische Frage, die nur durch einen weltweit gedachten Ansatz gelöst werden kann.

Wie sich die Gen Z verhält

Statt also in David gegen Goliath-Manier als Einzelperson den sinnfreien Versuch zu starten, Daten sammelnde Dienste zu boykottieren, sollte sich eher auf die positive Seite der Datensammlung fokussiert werden: Die Vorteile, die der Nutzer erhält.

#1 Kostenloser Zugang zur Welt

Zunächst können wir überhaupt nahezu alle Inhalte im Netz vollkommen kostenfrei nutzen. Ungeachtet der Diskussion um Vor- und Nachteile der Digitalisierung, ist es doch unbestritten, dass das Internet der wichtigste gesellschaftliche Fortschritt des 21. Jahrhunderts ist und unser Leben in vielerlei Dimensionen erleichtert hat.

#2 Impuls statt toter Zeit

Oftmals nehmen wir wie selbstverständlich hin, dass uns die digitale Welt kennt und sich uns anpasst. Das sollte man sich aber immer wieder bewusst machen und wertschätzen: Ich bin froh, Vorschläge basierend auf meinem Nutzungsverhalten zu erhalten. Was soll ich mit Werbung für High-Heels oder Kleider? Und auch für Schlagermusik wird mich Spotify nicht mehr begeistern können. Personalisiert hingegen nehme ich Werbung nicht als störend wahr, sondern oft als Impuls. Schon oft habe ich über Affiliates neue Musik entdeckt oder neue Marken gefunden. Sogar ein Festival habe ich besucht, auf das ich durch eine Instagram-Werbung stieß. Der Mehrwert, den mir die personalisierte Online-Werbung bietet, ist um ein Vielfaches höher, als standardisierte Werbung, wie beispielsweise im klassischen Linearfernsehen. Die unangepassten und langen Werbepausen sind unter anderem Gründe, warum ich dieses Medium kaum noch nutze.

#3 Digitales Zuhause

Eine weitere Facette: Bei Diensten, mit denen ich mich identifizieren kann und die ich regelmäßig nutze, gebe ich oftmals sogar mehr Informationen an, als notwendig wären. Ich erstelle mir ein Profilbild, gebe mir einen „Nicknamen“. Ich mag das - das sonst so durchrationalisierte Netz zumindest etwas zu meinem zu machen. Wie ein Wohnzimmer, das ich mir einrichten kann, kann ich auch mein digitales Zuhause gestalten und individualisieren.

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Autor: Jonas-Mika Senghaas

Jonas-Mika Senghaas hat seine Schule vor einigen Monaten mit dem Abitur abgeschlossen und strebt nun eine Karriere beim FC St. Pauli an, wo er momentan in der U19 kickt. Parallel ist er Praktikant bei STURM und DRANG für die kommenden drei Monate und wird unter anderem das Autorenteam des „Future Culture Magazines“ ergänzen. In seiner Reihe „Aus der Gen Z“ bezieht er stellvertretend zu Themen Stellung, die seine Generation betreffen und beschäftigen.