#CODES & NARRATIVE

Europa Bendig
Managing Partner STURMundDRANG
05.05.2022 | Lesezeit: 3 Minuten

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Future Literacy: Bilder des Wünschenswerten

Dieser Artikel ist in der 05/21 Ausgabe der "absatzwirtschaft" erschienen.

Die Zukunft hat in Deutschland ihren guten Ruf verloren. Vergangen sind die Zeiten, in denen wir euphorisch wurden beim Gedanken an die Zukunft. In den 70ern und 80ern war die Zukunft in Filmen und Büchern noch ein atemberaubendes Technologie-Spektakel. Doch mit den unsichtbaren, schleichenden Gefahren wie Viren und Klimawandel versandet Zukunftsoptimismus.

 

Unsere Vorstellungskraft ist ein Muskel, den wir vor allem in Deutschland leider wenig trainieren. Und nun wird auch noch die Zeit knapp und die Aufgaben immer größer. Ausgerechnet jetzt, wo wir längst MACHEN müssten, realisieren wir, dass wir Zukunftsanalphabeten geworden sind, die sich aus ihrer Erstarrung schwer lösen können. Aus der Verhaltensforschung wissen wir: Je schneller sich die Gesellschaft verändert, desto größer der Gegenwarts-Bias (Befangenheit, die Gegenwart zu ändern), desto höher die Risikoaversität, desto schlechter unsere Fähigkeit, die Zukunft zu lesen und in Verhalten zu übersetzen.

Die Konsequenz: Wir rasen in hoher Geschwindigkeit zunehmend blind durch die Zeit. In einem „Summit on Futures Literacy“ ging die UNESCO in 2020 die wachsende Zukunfts-Legasthenie an. UNESCO Generaldirektorin Audrey Azoulay fasst es so zusammen:

 

 

„How can we plan for an uncertain tomorrow? By imagining it. By anticipating it rather than enduring it. Faced with contemporary challenges we need to be inventive – and that’s what future literacy is all about.“

 

ABER WIE SIEHT ES MIT DER FUTURE LITERACY IN UNTERNEHMEN AUS?

Wenn wir unsere Kunden fragen: „Welche Zukunft wollt ihr?“, sagen diese: „Das wurden wir noch nie gefragt.“ Oder: „Das müssen Sie unsere Chefs fragen.“ Für rund die Hälfte der Bundesbürger:innen (46 %) ist die „langfristige Strategie“ die mit Abstand wichtigste Aufgabe, um die sich ein/e Top-Manager:in an der Spitze eines Unternehmens in Zukunft kümmern muss. Doch die Führungskräfte in den meisten Unternehmen sind in den Shareholderansprüchen und Quartalszahlen gefangen. Die üblichen Zwei- bis Drei-Jahres-Karriereschritte der Entscheidenden verkürzen die Visionskraft und Tragweite ihrer Entscheidungen. Und alle anderen fühlen sich nicht zuständig. Denn in Hierarchien steckt oft ein unterschwelliger Auftrag zum Verharren – der kleine Rest Vorstellungskraft versandet dann in reinen Angst- und Risikodiskursen.

Ein generelles Missverständnis hinsichtlich der Zukunftsszenarien ist,
dass sie die Zukunft voraussagen.

 

Ein generelles Missverständnis hinsichtlich der Zukunftsszenarien ist, dass sie die Zukunft voraussagen. Selbstverständlich ist das unmöglich. Szenarien machen vielmehr unseren aktuellen Horizont sichtbar. Indem wir unsere „Denkbox“, unsere Grenzen, Glaubenssätze und Handlungsprämissen im Lichte möglicher Zukünfte neu reflektieren, diskutieren und provozieren, werden Out-of-the-box-Zukünfte erst denk- und machbar.

Future Literacy ist keine reine Führungskompetenz. Sie ist eine essenzielle Grundkompetenz der Gegenwart und für jede/n. Sobald sich Unternehmen dazu entscheiden, ihrem Weg im Lichte wünschenswerter Zukünfte eine Richtung und einen neuen Sinn zu geben, entstehen im gesamten Unternehmen neue Diskurse, Kollaborationen, Energien und Taten, die genau diese Zukünfte auf den Weg bringen. Buddha sagt es so: „Wenn du wissen willst, wer du sein wirst, dann schau, was du jetzt tust.“

  

 

Dieser Artikel ist in der 05/21 Ausgabe der "absatzwirtschaft" erschienen.

Bildreferenzen: "Header" // "Mann" // "Berg"

 

 

Autorin: Europa Bendig

Europa Bendig berät seit 20 Jahren internationale Unternehmen vor allem in den Bereichen Luxus, Health, Services, Beauty, Living und Social Business sowie NGOs bei Innovationsprozessen. Ihr Spezialgebiet ist die Erforschung von kulturellen Codes und Narrativen, die Marken und Portfolios kulturelle Relevanz geben und Kundenbindung schaffen.

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