#MINDSET2030

Carlotta Terhorst
Politikwissenschaftlerin & Wissenschaftsjournalistin
21.02.2022 | Lesezeit: 5 Minuten

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Nachhaltigkeit als Wachstumsunabhängigkeit?

Wir befinden uns in einer ökonomischen und ökologischen Doppelkrise. Eine nachhaltige Lebensweise soll jetzt durch “grünes” Wirtschaftswachstum und technologische Innovationen erreicht werden. Aber in welcher Beziehung stehen Nachhaltigkeit und Wachstum? Kann unendliches Wachstum überhaupt nachhaltig sein? Ein Plädoyer für mehr Wachstumskritik.

WIR BEFINDEN UNS IN EINER DOPPELKRISE

Zunehmende Umweltkatastrophen, wie der Starkregen und die verheerenden Überflutungen in NRW im Sommer 2020, unterstreichen, worauf der Protest von Millionen von Schülern*innen aller Welt seit Jahren hinweist: Die Welt befindet sich in einer Klima- und Umweltkrise. Die Beschleunigung der Wirtschaftstätigkeit, die durch bahnbrechende technologische Innovationen und Fortschritt entstand sowie rapides Bevölkerungswachstum, hat das Verhältnis der Menschheit zu ihrer Umwelt im letzten Jahrhundert verändert. Die Weltbevölkerung hat sich verdreifacht, der Einsatz von chemischen Düngemitteln ist um das Zwölffache gestiegen und der Energiebedarf hat sich seit 1950 verfünffacht. Der unabhängige Wissenschaftler und Umweltschützer James Lovelock fasst die Entwicklungen bildlich für uns zusammen:

"Es ist fast so, als hätten wir ein Feuer entfacht, um uns zu wärmen, und dabei übersehen, dass auch das Mobiliar verbrennt.“

–– James Lovelock ––

 

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Eigentlich ist die Welt sich seit dem Report des Club of Romes im Jahr 1972, der vor den drastischen Folgen unseres globalen Wirtschaftens warnte, ökologischer Grenzen bewusst. Doch seitdem ist nicht genug passiert. Woran liegt das?

 

EINE AGENDA FÜR MEHR NACHHALTIGKEIT

Der wohl prominenteste Versuch eine Version für eine nachhaltige Zukunft zu gestalten, kommt von der UN: Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Dieser Ansatz wird weltweit von vielen Unternehmen, Kommunen und Staaten verfolgt. Die Ziele setzen auf ökologisches Wachstum als Treiber der Nachhaltigkeit. Groß angelegte Investitionen in Innovationen und technologische Fortschritte, die die Effizienz fördern, sollen die Co2-Emissionen reduzieren und die Ressourcenausbeutung stoppen können. Durch “Green”- oder “Inclusive Growth” soll die Klimakrise zu bewältigen, die Umwelt geschützt und die Menschen bestens versorgt werden. Das Problem: Seit 2015 hat sich nicht wirklich viel verändert: Viele Staaten, inklusive Deutschland, sind weit hinter ihren Klimazielen, die Meere werden immer noch täglich vermüllt und die Abholzung des Regenwaldes wurde nicht gestoppt. Auch wenn es in einigen Bereichen Fortschritte gab, das Tempo reicht nicht aus, um die Ziele der UN bis 2030 zu erreichen. Aber warum? Sind gute Intentionen und eine nachhaltige Agenda einfach nicht genug, um zu konkreten Handlungen zu führen? Vielleicht.

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KANN UNENDLICHES WACHSTUM ÜBERHAUPT NACHHALTIG SEIN?

Viel verheerender scheint jedoch der Glaube an unendliches Wachstum als Nachhaltigkeits-treiber. Die SDGs fordern ein klares Bekennt-nis zu "nachhaltigem Wirtschaftswachstum". Aber “nachhaltiges Wirtschaften” ist nur möglich, wenn das Wirtschaftswachstum von der Umweltzerstörung abgekoppelt werden kann. Das bedeutet, wenn immer mehr Produktion und Umsatz nicht mehr zur Ausbeutung der Natur führt. Gelingen soll das vor allem durch technologische Innovationen, die weitreichende Effizienzsteigerungen und Substitution von natürlichen Rohstoffen vorantreiben sollen. Aber genau hier werden die Dinge etwas komplizierter. Während es zwar theoretisch möglich scheint, den Ressourcenverbrauch durch verbesserte Ressourceneffizienz und Substitution zu entkoppeln, ist in der Praxis eine absolute Entkopplung sehr unwahrscheinlich. Wachstum kann zwar "sauberer" oder "grüner" werden, indem zum Beispiel fossile Brennstoffe durch Solarenergie ersetzt werden, aber neue Ersatzstoffe haben auch einen Ressourcenbedarf. Batterien für die neuen Elektroautos brauchen zum Beispiel Lithium, auch eine endliche Ressource. Darüber hinaus verweisen viele Ökonomen, wie zum Beispiel Maja Göpel, auf Rebound Effekte. In ihrem Bestseller “Welt neu denken” beschreibt sie diesen Mechanismus: In den fünfziger Jahren verbrauchte ein normaler VW-Käfer etwa 7,5 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer. In den neunziger Jahren produzierte VW das gleiche Modell wieder. Obwohl es große technische Fortschritte und Effizienzsteigerungen gab, verbrauchte er fast so viel wie sein Vorgänger in den fünfziger Jahren. Die Effizienzgewinne wurden in die Motorleistung investiert:

Der Käfer hatte nun 90 statt 30 PS und konnte viel schneller fahren. Die Energieeinsparungen durch Effizienzgewinne senkten den Energie-verbrauch nicht. Berücksichtigt man dies, wird schnell klar, dass Ressourceneffizienz, statt den Klimawandel und den Umweltkollaps zu stoppen, sogar zu einer Beschleunigung der Krise führen könnte. Mit anderen Worten: Die globalen Erwartungen an technische Innovationen sind eine fast nicht einzuhaltende Utopie. Unabhängig davon, wie effektiv Technologien werden, ein weiterer Anstieg der weltweiten Produktion wird zu einer Umweltkatastrophe führen.

FAZIT: NACHHALTIGKEIT IST WACHSTUMSUNABHÄNGIG

Wirtschaftswachstum war jahrzehntelang der einzig gültige Maßstab für Entwicklung und ein gutes Leben. Aber mit Blick auf die Klima- und Umweltkrise schwindet seine Bedeutung: “Grünes” Wachstum wird diese globalen Krisen nicht lösen. Die SDG’s und der Gedanke an “nachhaltiges” Wachstum beruht auf den Illusionen, dass unbegrenztes Wachstum und ungehemmter Konsum durch Ressourceneffizienz und Position dauerhaft möglich sei. Doch wenn unser System unbegrenzt wächst, dann stellt sich nicht die Frage, ob das System kollabieren könnte, sondern nur noch, wann es passiert. Eine nachhaltige Zukunft bedingt daher den Abschied eines jahrzehntealten Paradigmas. Um es in den Worten der berühmten Ökonomin Kate Raworth auszudrücken:

"Heute haben wir Volkswirtschaften, die wachsen müssen, ob
sie uns nun zum Erfolg verhelfen oder nicht.
Was wir brauchen, sind Volkswirtschaften, die uns gedeihen lassen, unabhängig davon, ob sie wachsen oder nicht."

–– Kate Raworth ––

 

Wirtschaftswachstum kann nicht als Treiber für Nachhaltigkeit angepriesen werden. Vielmehr sollte es darum gehen, einen Weg zu finden, in den ökologischen Grenzen unseres Planeten zu leben, egal, ob die Wirtschaft wächst oder nicht.

 

Weiterführende Links zum Thema:

Sustainable Development Goals https://sdgs.un.org/goals
Maja Göpel https://www.maja-goepel.de/ & https://twitter.com/beyond_ideology
Kate Raworth https://www.kateraworth.com/ & https://twitter.com/KateRaworth

Bildreferenzen Header // Ice // Planet B // Rebound Effect // Hand


Autorin: Carlotta Terhorst

Carlotta Terhorst ist studierte Politikwissenschaftlerin, Wissenschaftsjournalistin und Projektassistenz beim NELA – Next Economy Lab. NELA entwickelt gemeinsam mit Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft Konzepte für eine sozial gerechte, klimapositive und kooperative Wirtschaft. Die Version der „Next Economy“ des jungen Teams ist eine Wirtschaft von Morgen, die allen Menschen Zugang zum weltweiten Wohlstand ermöglicht und die Ökosysteme unterstützt, in ihr Gleichgewicht zurückzukehren.

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